Michael

Michael

Erzähle von Michael. Wie habt ihr euch kennengelernt und wie war eure Beziehung?

Michael und ich lernten uns mit 19 auf einer Studentenparty kennen. Er studierte Architektur, ich Lehramt. Was als Flirt begann, wurde schnell ernst – nach einem Jahr zogen wir zusammen, mit 25 heirateten wir. Er war dieser kreative, lebensfrohe Mensch, der morgens singend unter der Dusche stand und abends stundenlang an seinen Entwürfen feilte. Sein Lachen war ansteckend, seine Begeisterung für schöne Gebäude fast kindlich. 

In den nächsten dreißig Jahren bauten wir uns ein Leben auf. Michael machte sich als Architekt selbstständig, ich unterrichtete an einer Grundschule. Wir bekamen zwei Kinder, Lisa und Tim, kauften ein altes Haus, das Michael liebevoll renovierte. Er hatte diese besondere Art, Räume zu gestalten – nicht nur technisch perfekt, sondern mit Seele.

Wann habt ihr erste Anzeichen der Krankheit bemerkt?

Die ersten Symptome kamen 2020, kurz nach seinem 52. Geburtstag. Michael klagte über Schwäche im rechten Arm. Anfangs dachten wir an eine Sehnenentzündung von der vielen Arbeit am Computer. Aber die Schwäche wurde schlimmer. Beim Zeichnen fiel ihm plötzlich der Stift aus der Hand. Seine Schrift wurde krakelig, unleserlich – für einen Architekten, der so präzise zeichnete, besonders frustrierend. 

Dann begannen die Muskelzuckungen, erst im Arm, dann im ganzen Körper. Michael wurde unsicher beim Gehen, stolperte öfter. Er, der früher Marathons lief, musste sich beim Treppensteigen am Geländer festhalten. Als seine Sprache undeutlich wurde, gingen wir endlich zum Arzt. 

Wie war der Weg zur Diagnose?

Die Zeit der Untersuchungen war zermürbend. Vier Monate lang von Arzt zu Arzt, immer neue Tests. Michael wurde immer stiller, ich immer nervöser. Der Neurologe machte endlose Tests, Nerven- und Muskeluntersuchungen. Als er uns schließlich in sein Büro bat, wussten wir, dass es ernst war. 

Die Diagnose ALS traf uns wie ein Schlag. Eine unheilbare Nervenkrankheit, die nach und nach alle Muskeln lähmt. Der Arzt sprach von einer Lebenserwartung von 2-5 Jahren. Michael saß da wie versteinert, während ich alle möglichen Fragen stellte. Auf dem Heimweg weinten wir beide. „Das ist nicht fair“, sagte er immer wieder. „Wir hatten noch so viele Pläne.“

Wie habt ihr die Nachricht den Kindern mitgeteilt?

Lisa war 25 und arbeitete als Ärztin in einer anderen Stadt, Tim studierte mit 22 noch. Sie nach Hause zu holen und ihnen von der Diagnose zu erzählen, war einer der schwersten Momente. Michael wollte es ihnen selbst sagen, solange er noch deutlich sprechen konnte. Seine Stimme zitterte, aber er erklärte alles ganz ruhig. 

Lisa ging sofort in den Arzt-Modus, recherchierte Therapien und Studien. Tim wurde ganz still, ging in den Garten und hämmerte stundenlang an Michaels alter Werkbank. Jeder ging anders damit um, aber wir spürten, wie die Diagnose uns als Familie zusammenschweißte.

Wie veränderte sich euer Leben nach der Diagnose?

Die ersten Monate waren ein Wechselbad der Gefühle. Wir versuchten, normal weiterzuleben, aber nichts war normal. Michael musste sein Architekturbüro aufgeben – die Hand gehorchte nicht mehr, die Sprache wurde undeutlicher. Er übertrug die Projekte an seinen Partner, aber es brach ihm das Herz. 

Wir passten unser Haus Stück für Stück an seine Bedürfnisse an. Aus seinem geliebten Arbeitszimmer wurde ein behindertengerechtes Schlafzimmer. Die Treppe bekam einen Lift, das Bad wurde umgebaut. Michael plante alles selbst, sein letztes Architekturprojekt. „Wenn schon Krankenhausatmosphäre“, sagte er, „dann mit Stil.“

Wie ging es Michael mit den Veränderungen?

Michael kämpfte auf seine eigene Art. Er begann, ein digitales Tagebuch zu schreiben, solange seine Hände noch die Tastatur bedienen konnten. Als das nicht mehr ging, diktierte er mir seine Gedanken. Er wollte den Krankheitsverlauf dokumentieren, nicht aus Selbstmitleid, sondern als eine Art Vermächtnis für andere Betroffene. 

Am schwersten war für ihn der Verlust der Sprache. Michael war immer ein wortgewandter Mensch gewesen, jetzt wurde das Sprechen immer mühsamer. Wir besorgten einen Sprachcomputer, aber er hasste die künstliche Stimme. Also entwickelten wir unsere eigene Kommunikation – Blicke, Gesten, später Augenbewegungen. 

Wie war der Alltag mit der Krankheit?

Jeder Tag brachte neue Herausforderungen. Die Pflege wurde immer aufwendiger, aber Michael bestand darauf, so lange wie möglich zu Hause zu bleiben. Ich reduzierte meine Arbeit, lernte Pflegeroutinen, Beatmungsgeräte, Notfallmaßnahmen. Die Kinder kamen so oft sie konnten, unterstützten wo sie nur konnten. 

Trotz allem gab es auch schöne Momente. An guten Tagen saßen wir im Garten, ich las ihm vor, wir schauten alte Fotos an. Er konnte nicht mehr sprechen, aber seine Augen erzählten ganze Geschichten. Manchmal lachten wir über die absurden Situationen, die die Krankheit mit sich brachte – was sollten wir auch sonst tun?

Wie habt ihr euch auf den Abschied vorbereitet?

Michael wollte alles bis ins Detail planen. Mit Hilfe des Sprachcomputers besprach er mit mir seine Wünsche für die Beerdigung, regelte alle praktischen Dinge. Er wollte niemanden damit belasten. Wir redeten offen über den Tod, über seine Ängste, über meine Zukunft danach. 

Das Schwerste war die Frage nach der künstlichen Beatmung. Michael entschied sich dagegen – er wollte nicht als „lebende Maschine“ enden, wie er es nannte. Wir respektierten seine Entscheidung, aber die Gewissheit, dass damit seine Zeit begrenzt war, war schwer zu ertragen. 

Wie waren seine letzten Tage? 

In den letzten Wochen wurde das Atmen immer schwerer. Michael war jetzt bettlägerig, brauchte rund um die Uhr Betreuung. Die Kinder kamen nach Hause, wechselten sich mit mir ab. Wir wollten, dass immer jemand bei ihm war. 

An seinem letzten Tag war die ganze Familie da. Lisa las ihm aus seinem Lieblingsbuch vor, Tim zeigte ihm Fotos von seinem neuesten Holzprojekt. Er konnte nicht mehr sprechen, aber seine Augen sagten alles. Am Abend wurde seine Atmung flacher. Ich hielt seine Hand, während er einschlief. Es war friedlich, fast wie eine Erleichterung.

Wie waren die ersten Tage nach seinem Tod?

Die ersten Tage waren surreal. Nach drei Jahren intensiver Pflege war die plötzliche Stille im Haus erschreckend. Kein Summen der Geräte mehr, keine Pflegetermine, keine Medikamentenzeiten. Ich wachte trotzdem noch nachts auf, in Sorge, ob er Hilfe brauchte. 

Die Beerdigung war genau so, wie Michael sie geplant hatte. Sein Partner aus dem Architekturbüro hielt eine bewegende Rede über seine Leidenschaft fürs Bauen. Die Kinder hatten eine Fotopräsentation seiner Projekte zusammengestellt. Es war seine letzte „Ausstellung“, wie Tim es nannte.

Wie waren die ersten Wochen und Monate danach? 

Die ersten Monate waren eine seltsame Mischung aus Trauer und Erleichterung. Die Trauer um Michael, den Mann, den ich vor der Krankheit kannte. Die Erleichterung, dass sein Leiden vorbei war. Und dann die Schuldgefühle wegen dieser Erleichterung. 

Ich musste lernen, wieder ich selbst zu sein, nicht nur Michaels Pflegerin. Drei Jahre lang hatte sich alles um seine Krankheit gedreht. Jetzt musste ich einen neuen Rhythmus finden. Die Kinder drängten mich, wieder mehr zu unternehmen, aber ich brauchte Zeit. 

Was hat dir geholfen, mit der Trauer umzugehen?

Überraschenderweise half mir Michaels digitales Tagebuch am meisten. Seine Gedanken zu lesen, seine Perspektive zu verstehen, war wie ein fortgesetztes Gespräch mit ihm. Er hatte auch Nachrichten für uns hinterlassen, kleine Überraschungen – typisch Michael, alles bis ins Detail geplant. 

Die ALS-Selbsthilfegruppe, zu der wir während seiner Krankheit gehörten, blieb eine wichtige Stütze. Dort verstand man diese besondere Art von Trauer – den langen Abschied, die verschiedenen Verluste auf dem Weg, die komplexen Gefühle danach.

Wie schaust du heute auf alles zurück?

Heute, anderthalb Jahre nach Michaels Tod, kann ich dankbar auf unsere gemeinsame Zeit zurückblicken. Die Krankheit hat uns zwar viel genommen, aber auch viel gegeben – eine neue Tiefe in unserer Beziehung, kostbare gemeinsame Momente, eine andere Art zu kommunizieren. 

Michaels Spuren sind überall in unserem Haus, in den Räumen, die er gestaltet hat. Seine letzte „Renovierung“ – das behindertengerechte Schlafzimmer – habe ich behalten. Es erinnert mich daran, wie er selbst in der Krankheit noch gestalten wollte, wie er sich nicht aufgegeben hat.

Was hast du durch diese Erfahrung gelernt? 

– Auch in der schwersten Krankheit kann es wertvolle Momente geben 

– Kommunikation ist mehr als Worte 

– Man wächst über sich hinaus, wenn man muss 

– Familie kann eine unglaubliche Kraftquelle sein 

– Der Abschied beginnt oft lange vor dem Tod 

– Liebe findet immer einen Weg, sich auszudrücken

Was würdest du anderen Menschen in ähnlichen Situationen raten?

– Nehmt professionelle Hilfe an, so früh wie möglich 

– Sprecht offen über Wünsche und Ängste, solange es noch geht 

– Dokumentiert gemeinsame Momente – sie werden kostbar 

– Pflegt auch die Beziehung jenseits der Krankheit 

– Vergesst bei aller Pflege nicht auf euch selbst zu achten 

– Lasst auch schöne Momente zu, trotz allem 

In Michaels Arbeitszimmer steht noch immer sein Zeichentisch. Lisa hat angefangen, dort ihre medizinischen Fachartikel zu schreiben, Tim werkelt an seinen Holzprojekten. „Der Raum muss leben“, hatte Michael gesagt. „Versprecht mir, dass ihr ihn nicht zum Shrine macht.“ Auch darin war er weise – das Leben geht weiter, anders, aber es geht weiter.

Monika

Monika

Erzähle von deiner Mutter. Wie war eure Beziehung?

Mama war immer mein Fels in der Brandung. Eine typische Vorstadtmutter der 70er Jahre – Hausfrau, ehrenamtlich engagiert im Gemeindezentrum, eine begeisterte Hobbygärtnerin. Als ich selbst Mutter wurde, wurde unsere Beziehung noch enger. Sie passte auf die Kinder auf, wenn ich arbeiten musste, brachte ungefragt ihre berühmte Hühnersuppe vorbei, wenn jemand krank war. Wir telefonierten jeden zweiten Tag, meistens abends, wenn die Kinder im Bett waren.

Wie hast du von ihrer Krankheit erfahren?

Die Diagnose kam im Frühjahr 2022. Mama war in letzter Zeit oft müde gewesen, hatte Gewicht verloren. „Bestimmt nur Stress mit dem Garten“, hatte sie gesagt. Beim Routinecheck fand ihre Hausärztin erhöhte Leberwerte. Dann ging alles sehr schnell – Überweisung zum Spezialisten, Untersuchungen, die Diagnose: Leberkrebs, bereits fortgeschritten.

Wie war die Zeit der Krankheit?

Es folgten sechs Monate zwischen Hoffen und Bangen. Chemotherapie, die nicht richtig anschlug. Mama wurde schwächer, aber sie versuchte bis zuletzt, ihre Normalität zu bewahren. Sie bestand darauf, weiter ihre Blumen zu gießen, auch wenn sie dabei Pausen machen musste. An guten Tagen backte sie noch Plätzchen für die Enkel. An schlechten Tagen lag sie nur auf der Couch und ließ sich von mir ihre Lieblings-Rosamunde-Pilcher-Filme vorlesen.

Wie hast du dich in dieser Zeit gefühlt?

Körperlich machte sich die Anspannung bereits bemerkbar. Ich schlief schlecht, hatte ständig Kopfschmerzen. Morgens war mir oft übel vor Sorge. Zwischen Arbeit, eigener Familie und den Krankenhaus- oder Arztbesuchen funktionierte ich nur noch. Mein Mann übernahm den Haushalt, aber ich hatte trotzdem das Gefühl, niemandem wirklich gerecht zu werden.

Wie hast du von ihrem Tod erfahren? Wie war dieser Tag für dich?

Mama starb an einem Donnerstag im November, friedlich zu Hause im Beisein meines Vaters. Als sein Anruf um 5 Uhr morgens kam, wusste ich es schon. Mein Körper hatte mich geweckt, eine Stunde bevor das Telefon klingelte. Ich hatte dieses merkwürdige Gefühl in der Magengrube, eine Art Wissen.

Die Fahrt zu ihrem Haus war surreal. Die Stadt erwachte gerade erst, aber für mich fühlte es sich an, als sollte die Welt stehen bleiben. Im Auto musste ich mehrmals anhalten, weil mir schwindelig war. Meine Hände zitterten so stark, dass ich kaum den Schlüssel ins Schloss bekam.

Was waren deine ersten Gedanken und Gefühle?

Der erste Anblick von Mama in ihrem Bett – sie sah friedlich aus, fast als würde sie schlafen. Aber ihr Gesicht hatte diese merkwürdige Wachsfarbe, die man nicht mit Leben verwechseln kann. Mein Körper reagierte mit einer Mischung aus Erstarrung und Übelkeit. Ich wollte sie berühren und gleichzeitig weglaufen.

In den nächsten Stunden kamen der Arzt, später der Bestatter. Ich funktionierte automatisch, beantwortete Fragen, unterschrieb Papiere. Mein Vater saß wie versteinert am Küchentisch. Die Kaffeemaschine lief ununterbrochen – ein bizarrer Kontrast zu der Stille im Haus.

Wie war die Zeit bis zur Bestattung?

Die Tage bis zur Beerdigung waren wie in Watte gepackt. Nachts lag ich wach, tagsüber kämpfte ich mit bleierner Müdigkeit. Mein Körper fühlte sich gleichzeitig taub und hypersensibel an. Gerüche waren plötzlich überwältigend – besonders Mamas Wäscheduft an ihren Kleidern, die wir sortieren mussten.

Die Organisation der Beerdigung war eine Tortur. Ständig mussten Entscheidungen getroffen werden – Blumen, Musik, Anzeigentext. Eigentlich hatte Mama alles vorher besprochen, aber plötzlich kamen Verwandte mit eigenen Vorstellungen. „Das hätte sie aber so gewollt“, hieß es dann. Ich hatte keine Kraft zu diskutieren, obwohl ich genau wusste, dass Mama keine Calla-Lilien sondern ihre geliebten Gartenrosen gewollt hätte.

Wie hast du die Beerdigung erlebt?

Der Tag der Beerdigung selbst ist merkwürdig verschwommen in meiner Erinnerung. Ich erinnere mich an das Gewicht meiner schwarzen Handtasche, an das Kratzen der neuen Strumpfhose, an den penetranten Geruch der Lilien, die ich nicht verhindert hatte. Mein Magen war wie zugeschnürt, ich konnte nicht einmal Wasser trinken.

Die Trauerfeier war gut besucht – Mama war beliebt in der Gemeinde. Viele Bekannte kamen mit den üblichen Floskeln: „Sie hatte doch ein erfülltes Leben“ oder „Jetzt hat sie es hinter sich“. Ich nickte mechanisch, während sich in meinem Inneren alles zusammenzog. Mein Körper schien zu schreien, während ich äußerlich gefasst blieb.

Wie waren die ersten Wochen danach?

Die ersten Wochen waren geprägt von extremer körperlicher Erschöpfung. Ich schlief entweder gar nicht oder zwölf Stunden am Stück. Morgens wachte ich mit Muskelschmerzen auf, als hätte ich einen Marathon gelaufen. Manchmal überfiel mich mitten am Tag eine solche Mattigkeit, dass ich mich hinlegen musste.

Gleichzeitig war da diese ruhelose Energie. Nachts wanderte ich durch die Wohnung, räumte zwanghaft Schränke aus. Tagsüber machte ich endlose Listen von Dingen, die erledigt werden mussten. Mein Herz raste oft ohne ersichtlichen Grund, manchmal hatte ich das Gefühl, keine Luft zu bekommen.

Wie hat dein Umfeld reagiert?

Die Reaktionen des Umfelds waren gut gemeint, aber oft belastend. Nach zwei Wochen fragten die ersten Kollegen: „Na, bist du jetzt wieder okay?“ Als ob Trauer ein Schnupfen wäre, der nach einer gewissen Zeit weggeht. Mein Chef wurde ungeduldig, weil ich mich bei Meetings nicht konzentrieren konnte. „Das Leben geht weiter“, sagte er in einem Mitarbeitergespräch.

Freunde wurden unsicher, wenn ich anfing zu weinen. „Du musst nach vorne schauen“, oder „Deine Mutter würde nicht wollen, dass du so trauerst.“ Als ob ich mir das ausgesucht hätte. Die körperlichen Symptome – Schlaflosigkeit, Appetitverlust, ständige Erschöpfung – wurden oft mit besorgten Blicken quittiert. „Vielleicht solltest du mal zum Arzt gehen.“

Was waren besonders schwierige Momente?

Die ersten Feiertage ohne Mama waren brutal. Weihnachten war ihr Fest – sie dekorierte das ganze Haus, backte wochenlang Plätzchen. Der Geruch von Zimt und Kardamom löste jetzt Panikattacken aus. An Heiligabend musste ich mich übergeben, als ich ihre handgeschriebenen Rezepte fand.

Ihr Geburtstag im März war ähnlich schwer. Mein Körper schien sich zu erinnern, bevor mein Bewusstsein es tat. Tagelang vorher hatte ich Migräne, konnte kaum essen. Die gut gemeinten Nachrichten von Verwandten („Denk heute besonders an deine Mama!“) machten es nur schlimmer.

Was hat dir geholfen, mit der Trauer umzugehen?

Überraschenderweise half mir Gartenarbeit am meisten. Ich übernahm Mamas Garten, obwohl ich vorher nie gegärtnert hatte. Das Graben in der Erde, das Pflanzen ihrer geliebten Rosen – es war körperlich anstrengend, aber irgendwie heilsam. Die Gartenarbeit gab mir einen Rhythmus, wenn alles andere chaotisch erschien.

Ich fand auch eine Trauergruppe, in der körperliche Symptome der Trauer ganz normal waren. Zu hören, dass andere ähnliche Erfahrungen machten – Schlafstörungen, unerklärliche Schmerzen, Panikattacken – war erleichternd. Dort musste ich nicht erklären, warum ich nach drei Monaten immer noch nicht „darüber hinweg“ war.

Wie ging es dir nach einem Jahr?

Das erste Jahr war eine Achterbahnfahrt von Symptomen und Emotionen. Bestimmte Jahreszeiten, Gerüche oder Situationen lösten körperliche Reaktionen aus, die ich nicht kontrollieren konnte. Im Frühling, als ihre Tulpen blühten, saß ich stundenlang wie erstarrt im Garten. An ihrem Hochzeitstag bekam ich plötzlich hohes Fieber – der Arzt fand keine physische Ursache.

Langsam lernte ich, diese Reaktionen als Teil meiner Trauer zu akzeptieren. Mein Körper trauerte auf seine eigene Weise. Die Intensität der Symptome nahm ab, aber sie verschwanden nicht einfach. Sie wurden zu einer Art Erinnerung, einem körperlichen Gedächtnis an meine Mutter.

Wie geht es dir heute?

Heute, nach zwei Jahren, haben sich die körperlichen Symptome verändert. Die akute Erschöpfung ist einer leiseren Müdigkeit gewichen. Ich schlafe wieder besser, aber bestimmte Tage sind körperlich immer noch anstrengend. Der Geruch von frisch gebackenen Plätzchen kann immer noch Herzrasen auslösen, aber ich kann damit umgehen.

Was ich gelernt habe:

– Trauer hat einen eigenen Zeitplan, den der Körper mitbestimmt

– Körperliche Symptome der Trauer sind normal und valide

– Nicht jeder wird die Intensität dieser Erfahrung verstehen

– Es ist okay, sich Zeit zu nehmen und Grenzen zu setzen

– Heilung bedeutet nicht Vergessen

– Der Körper erinnert sich oft früher als der Verstand

Was würdest du anderen in ähnlichen Situationen raten?

– Hört auf euren Körper – er zeigt euch, was ihr braucht

– Lasst euch nicht drängen, „normal“ zu funktionieren

– Sucht euch Menschen, die eure Erfahrung verstehen

– Bewegung und Natur können heilsam sein

– Professionelle Hilfe ist keine Schwäche

– Es ist okay, wenn Trauer anders aussieht als erwartet

Mamas Garten blüht jetzt anders als früher – weniger perfekt, aber genauso lebendig. Manchmal, wenn ich in der Erde grabe, finde ich noch ihre alten Pflanzenschilder. Dann zittern meine Hände kurz, mein Herz macht einen Sprung. Aber es ist okay. Es bedeutet nur, dass die Liebe zu ihr noch da ist, in jeder Faser meines Körpers.

Emma

Emma

Erzähle von deiner Oma Emma. Was war das Besondere an eurer Beziehung?

Oma Emma war für mich immer mehr als nur eine Oma. Als meine Mutter wieder arbeiten ging, verbrachte ich fast jeden Tag bei ihr. Der Duft von frisch gebackenem Apfelkuchen, das leise Klappern ihrer Stricknadeln und das sanfte Summen alter Schlager – das war meine Kindheit.

Jeden Mittwoch backte Oma. Schon als kleines Mädchen durfte ich den Teig kneten und Äpfel schneiden, auch wenn die Stücke nie so gleichmäßig wurden wie ihre. „Das macht nichts“, sagte sie dann immer, „hauptsache mit Liebe gemacht.“ Diese Weisheit hat sie mir oft mit auf den Weg gegeben – es muss nicht perfekt sein, solange man sein Bestes gibt.

Wie hast du von ihrer Krankheit erfahren?

Die Diagnose Bauchspeicheldrüsenkrebs kam wie ein Blitz aus heiterem Himmel. Oma war immer so aktiv gewesen, hatte ihren Garten gepflegt, sich um die Nachbarskinder gekümmert. Plötzlich wurde sie schwächer, verlor Gewicht. Die Ärzte gaben ihr noch etwa sechs Monate.

Wie war die Zeit der Krankheit für dich?

Diese Zeit war kostbar. Wir backten weiter zusammen, auch wenn sie meist nur noch zusehen konnte. Sie erzählte mir Geschichten aus ihrer Jugend, von der Nachkriegszeit und wie sie Opa kennenlernte. Ich nahm alles auf Video auf – heute bin ich unendlich dankbar dafür.

In ihren letzten Wochen wurde sie immer stiller. Das Sprechen strengte sie an, aber sie wollte unbedingt zu Hause bleiben. Mit Hilfe eines Pflegedienstes und der Familie konnten wir ihr diesen Wunsch erfüllen. Ich übernahm oft die Nachtwache, las ihr vor oder hielt einfach ihre Hand.

Wie war der Tag, als sie gegangen ist?

An ihrem letzten Abend war ich bei ihr. Sie war schon lange nicht mehr ansprechbar, aber ich spürte, dass sie meine Anwesenheit wahrnahm. Ich erzählte ihr von meinen Plänen, dass ich ihr Apfelkuchenrezept an meine eigenen Kinder weitergeben würde, wenn es einmal soweit wäre. Früh am nächsten Morgen schlief sie friedlich ein.

Wie waren die ersten Tage und Wochen danach?

Die ersten Wochen danach waren surreal. Mittwochs erwischte ich mich dabei, wie ich automatisch in Richtung ihres Hauses fuhr. Ihr Telefon war noch in meiner Kurzwahl. Am schwersten waren die Feiertage – Omas Platz am Tisch blieb leer, niemand machte ihren berühmten Kartoffelsalat.

Was hat dir geholfen, mit der Trauer umzugehen?

Was mir half, war das Weiterleben ihrer kleinen Traditionen. Ich fing an, selbst zu backen. Nicht nur ihren Apfelkuchen, sondern auch all die anderen Rezepte, die sie mir über die Jahre beigebracht hatte. Dabei fühlte ich mich ihr nahe. In ihrem Haus fand ich ein altes Notizbuch mit handgeschriebenen Rezepten und kleinen Anmerkungen – ein wahrer Schatz.

Wie schaust du heute auf alles zurück? Was hast du durch sie gelernt?

Heute, drei Jahre später, verstehe ich viele ihrer Lebensweisheiten besser. Wenn ich unsicher bin, frage ich mich oft: „Was hätte Oma dazu gesagt?“ Meistens höre ich dann ihr verschmitztes Lachen und ihre typische Antwort: „Kind, mach dir nicht so viele Sorgen. Das Leben ist zu kurz für Perfektionismus.“

Was ich durch Omas Tod gelernt habe:

Durch Omas Tod habe ich vor allem verstanden, dass die kleinen Momente im Leben oft die wertvollsten sind – viel wichtiger als die großen Ereignisse. Traditionen können unglaublichen Trost spenden und eine Verbindung schaffen, die über den Tod hinausreicht. Es ist so wichtig, die Zeit mit geliebten Menschen bewusst zu genießen, solange sie noch da sind.

Erinnerungen leben in den alltäglichen Dingen weiter – in einem Rezept, einem Duft, einer Geste. Und manchmal ist der beste Weg zu trauern nicht das Festhalten am Schmerz, sondern die Liebe weiterzugeben, die man empfangen hat.

In meiner Küche hängt jetzt ihr altes Küchentuch mit den gestickten Blumen. Es ist schon etwas ausgeblichen, aber das macht nichts. Hauptsache mit Liebe benutzt, würde Oma sagen.

Spirit

Spirit

Erzähle von Spirit. Wie habt ihr zueinander gefunden?

Mit fünfzehn bekam ich Spirit, einen dreijährigen Hannoveraner Wallach. Er war mein erster eigener „Großer“, nachdem ich jahrelang nur Ponys geritten hatte. Spirit war ein Fuchs mit einer markanten weißen Blesse und vier weißen Socken – und er war eine echte Herausforderung. Temperamentvoll, sensibel und manchmal auch ein bisschen dickköpfig. Aber genau das machte unsere Beziehung so besonders.

Wie habt ihr euch kennengelernt und zusammengefunden?

Die ersten Monate waren nicht einfach. Spirit testete mich, und ich musste erst lernen, seine Sprache zu verstehen. Doch mit der Zeit wuchsen wir zu einem echten Team zusammen. Wir trainierten für Turniere, aber noch wichtiger waren unsere gemeinsamen Ausritte. Spirit liebte es, durch den Wald zu galoppieren, und ich liebte es, ihm dabei zu vertrauen.

Wie erfuhrst du von seiner Krankheit?

An einem Herbstmorgen war plötzlich alles anders. Spirit stand nicht wie gewohnt an der Box, als ich kam. Er lag in der Box, schweißgebadet und mit sichtbaren Kolikschmerzen. Die Tierärztin kam sofort, aber die Behandlung schlug nicht an. Die Diagnose: Darmverschlingung. Eine Operation war die einzige Chance.

Wie war der Tag, an dem du ihn verloren hast?

Die Fahrt zur Pferdeklinik war wie ein Albtraum. Ich saß vorne im Transporter, während hinten mein bester Freund um sein Leben kämpfte. In der Klinik ging dann alles sehr schnell. Die Chirurgen taten ihr Bestes, aber der Darm war bereits zu stark geschädigt. Spirit wachte nicht mehr aus der Narkose auf.

Wie waren die ersten Tage nach seinem Tod?

Ich konnte es nicht fassen. Morgens war ich noch voller Vorfreude auf unser Training losgefahren, und am Nachmittag musste ich ohne ihn nach Hause. Der Stall, eigentlich mein Zufluchtsort, wurde plötzlich zu einem Ort voller schmerzlicher Erinnerungen. Spirits Box war leer, sein Halfter hing verlassen am Haken, sein Sattel stand unbenutzt in der Sattelkammer.

Wer oder was hat dir in dieser Zeit geholfen?

Die anderen aus dem Stall waren eine große Stütze. Sie verstanden, was ich durchmachte, ohne dass ich viel erklären musste. Besonders Lisa, meine beste Stallfreundin, war immer für mich da. Sie zwang mich zu nichts, bot mir aber an, ihr Pferd mit zu versorgen, damit ich weiterhin einen Grund hatte, in den Stall zu kommen.

Was waren die schwierigsten Momente?

Die ersten Wochen waren schwer. Ich vermisste alles – den Geruch seines Fells, das Geräusch seines Schnaubens, die morgendliche Begrüßung. Am meisten vermisste ich unsere stillen Momente: wenn ich einfach an seiner Box saß und er seinen Kopf auf meine Schulter legte.

Wie hast du einen Weg gefunden, mit der Trauer umzugehen?

Mit der Zeit begann ich, die schönen Erinnerungen mehr zu schätzen als den Schmerz zu fürchten. Ich sortierte Spirits Turnierabzeichen und Schleifen und gestaltete ein Album mit Fotos und Erinnerungen. Die Stallgemeinschaft organisierte eine kleine Gedenkfeier, bei der wir alle unsere Geschichten mit Spirit teilten. Es tat gut zu hören, wie viele Leben er berührt hatte.

Wie schaust du heute auf alles zurück?

Heute, eineinhalb Jahre später, bin ich wieder regelmäßig im Stall. Ich reite verschiedene Pferde für andere Besitzer und gebe Reitunterricht für Anfänger. Jedes Pferd ist anders, und keines ist wie Spirit – das soll auch so sein. Er hat mir beigebracht, dass jede Beziehung zu einem Pferd einzigartig ist.

Was hast du aus dieser Erfahrung gelernt?

Aus dieser schweren Zeit habe ich vor allem gelernt, dass die Bindung zu einem Pferd etwas ganz Besonderes ist und auch so betrauert werden darf – sie verdient die gleiche Wertschätzung wie jede andere tiefe Beziehung. Eine verständnisvolle Gemeinschaft ist in der Trauerzeit unbezahlbar wertvoll, denn sie versteht ohne große Worte, was man durchmacht.

Wichtig ist es, seinem eigenen Tempo zu folgen, sowohl beim Trauern als auch beim Weg zurück in den Alltag – niemand sollte sich unter Druck setzen lassen. Mit der Zeit können Erinnerungen zu einem wertvollen Schatz werden, den man für immer im Herzen trägt, und die Liebe zu Pferden kann auch nach einem Verlust weiter bestehen und neue Wege finden.

Thomas

Thomas

Erzähle uns von Thomas. Wie habt ihr euch kennengelernt?

Wir lernten uns 1993 kennen, in einer Zeit, als unsere Liebe noch nicht selbstverständlich war. Es war in einer Buchhandlung in Hamburg. Thomas arbeitete dort als Buchhändler, ich suchte nach einem Gedichtband von Rimbaud. Er empfahl mir stattdessen Walt Whitman – „Leaves of Grass“. Seine Augen leuchteten, als er über Poesie sprach. Drei Tage später trafen wir uns zum Kaffee. Aus dem Kaffee wurde ein Abendessen, aus dem Abendessen ein Spaziergang durch die nächtliche Stadt. Wir redeten über Bücher, Träume, das Leben.

Die ersten Jahre lebten wir unsere Beziehung eher versteckt. Ich war Architekt in einem konservativen Büro, Thomas‘ Eltern waren streng katholisch. In der Öffentlichkeit waren wir „gute Freunde“, zu Hause in unserer kleinen Wohnung in der Schanze konnten wir wir selbst sein. Thomas war der Romantiker von uns beiden. Er schrieb mir kleine Gedichte, versteckte Zettel mit Zitaten in meiner Jackentasche. Ich war der Praktische, der die Steuererklärung machte und uns durch den Behördendschungel navigierte. Als 2001 die eingetragene Lebenspartnerschaft möglich wurde, waren wir unter den Ersten. Keine große Feier, nur wir beide beim Standesamt, danach Champagner im Park. Thomas nannte es unser „kleines privates Coming-out gegenüber dem Staat“. Über die Jahre wuchsen wir in unsere Rollen hinein. Die Buchhandlung wurde zu „unserer“ Buchhandlung – ich half an den Wochenenden aus, Thomas gestaltete das Schaufenster nach meinen Entwürfen. 2006 konnten wir sie kaufen, als der alte Besitzer in Rente ging.

Wie hast du von seiner Krankheit erfahren?

Die Diagnose kam 2022, kurz nach unserem 29. Jahrestag. Thomas klagte seit Wochen über Rückenschmerzen, aber wir dachten, es käme vom vielen Stehen in der Buchhandlung. Erst als er anfing, deutlich Gewicht zu verlieren, bestand ich auf einem gründlichen Check. Der Arzt rief uns an einem Donnerstagnachmittag an, kurz vor Ladenschluss. „Kommen Sie bitte beide morgen in die Praxis.“ In dem Moment wussten wir beide, dass etwas nicht stimmte.

Die Diagnose war wie ein Schlag: Bauchspeicheldrüsenkrebs, bereits metastasiert. Die Ärzte gaben ihm sechs bis acht Monate. Thomas nahm es mit der gleichen ruhigen Würde auf, mit der er allem im Leben begegnete. „Immerhin hatte ich die Chance, die Welt mit dir zu teilen“, sagte er. Ich hingegen war wie betäubt. Dreißig Jahre waren nicht genug.

Wie war die Zeit der Krankheit für euch?

Die folgenden Monate waren eine Achterbahnfahrt der Gefühle. Thomas begann eine Chemotherapie, nicht um zu heilen, aber um Zeit zu gewinnen. Die guten Tage nutzten wir intensiv. Wir organisierten die Buchhandlung um, stellten eine neue Managerin ein. In den Phasen zwischen den Therapien reisten wir noch einmal nach Paris, wo wir 1995 unseren ersten gemeinsamen Urlaub verbracht hatten. Thomas war schon deutlich schwächer, aber seine Augen leuchteten noch genauso wie damals, als wir stundenlang durch die Shakespeare and Company streiften.

Wir sprachen viel in dieser Zeit, mehr als je zuvor. Über unsere Ängste, unsere Hoffnungen, über das, was bleiben würde. Thomas machte sich mehr Sorgen um mich als um sich selbst. „Versprich mir, dass du die Buchhandlung weiterführst“, sagte er oft. „Sie ist unser Vermächtnis.“ Nachts, wenn die Schmerzen ihn wachhielten, lasen wir uns gegenseitig vor – alte Lieblingsgedichte, neue Entdeckungen, manchmal einfach nur die Tageszeitungen. Die letzten Wochen verbrachten wir zu Hause, mit Unterstützung eines Palliativteams. Thomas bestand darauf, dass ich ihm bis zum Schluss aus seinen Lieblingsbüchern vorlas. Manchmal schlief er dabei ein, manchmal diskutierte er noch mit erstaunlicher Klarheit über einzelne Passagen. In seiner letzten Nacht las ich ihm noch einmal aus „Leaves of Grass“ vor – der Kreis schloss sich.

Wie hast du von seinem Tod erfahren? Wie hast du dich in dem Moment gefühlt?

Thomas starb an einem Frühlingsmorgen, friedlich in unserem Bett. Die Sonne schien durch die offenen Fenster, die Vögel sangen. Es war, als hätte er sich den Moment ausgesucht. Seine letzten Worte waren: „Lies weiter.“ Ich wusste nicht, ob er das Buch meinte oder das Leben. Wahrscheinlich beides.

In diesem Moment fühlte ich eine seltsame Mischung aus tiefer Trauer und einem Gefühl von Frieden – er war ohne Schmerzen gegangen, in unserem gemeinsamen Zuhause, während ich ihm aus seinem Lieblingsbuch vorlas. Gleichzeitig war da diese überwältigende Leere, als ob jemand den Ton aus der Welt gedreht hätte.

Was waren deine ersten Gedanken? Was hast du gemacht, nachdem du realisiert hast, dass er gegangen ist?

Mein erster zusammenhängender Gedanke war absurderweise ein Zitat aus einem seiner Lieblingsromane: „Die Welt ist nicht mehr dieselbe wie gestern.“ Ich blieb noch lange neben ihm sitzen, hielt seine Hand, die langsam kalt wurde. Irgendwann rief ich seine Schwester an, dann das Palliativteam. Die praktischen Dinge mussten erledigt werden, aber alles fühlte sich unwirklich an. Dreißig Jahre gemeinsames Leben, und plötzlich sollte ich Formulare ausfüllen und Entscheidungen treffen.

In den Stunden danach ging ich durch unsere Wohnung und berührte alles, was von ihm war – seine Lesebrille auf dem Nachttisch, seine ordentlich aufgehängte Jacke, seinen Lieblingssessel. Als hätte ich Angst, dass diese Dinge verschwinden würden wie er.

Wie war die Zeit bis zur Bestattung für dich? Hast du dir die organisatorische Verantwortung geteilt?

Die Tage bis zur Beerdigung verschwammen ineinander. Seine Schwester war meine Rettung – sie übernahm einen Großteil der Organisation, während ich wie in Trance funktionierte. Die formelle Beerdigung war anders, als Thomas sie sich gewünscht hätte – zu ernst, zu steif. Aber die Trauerfeier danach in der Buchhandlung, die war ganz in seinem Sinne.

Wir hatten den Laden für einen Tag geschlossen, alle Stühle im Kreis aufgestellt. Seine Lieblingsbücher lagen aus, Fotos aus dreißig Jahren gemeinsamen Lebens. Menschen kamen und gingen, erzählten Geschichten, lasen Passagen vor. Seine Schwester, die uns anfangs abgelehnt hatte, hielt eine bewegende Rede darüber, wie Thomas ihr durch seine Art zu lieben die Augen geöffnet hatte. Ein junges queeres Paar, Stammkunden von uns, erzählte, wie Thomas ihnen Mut gemacht hatte, zu ihrer Liebe zu stehen.

Gab es besonders schwierige Situationen für dich in dieser Zeit?

Die schwierigsten Momente waren die Kleinigkeiten – wie er morgens immer als Erstes die Fenster öffnete, egal wie kalt es war. Seine Angewohnheit, beim Lesen die Lippen zu bewegen. Der Geruch von frischem Kaffee und Büchern, der ihm aus der Buchhandlung anhaftete. Die Art, wie er abends im Bett seine kalten Füße an meine legte.

Besonders hart war der erste Bestelltermin mit unseren Verlagsvertretern. Thomas hatte immer die Belletristik-Bestellungen gemacht, kannte jeden Autor, jede Neuerscheinung. Ich saß da und dachte die ganze Zeit: „Was hätte Thomas bestellt?“ Seine Handschrift war überall – in den Notizen zu Stammkunden, in den Vorbestellungen, die er noch aufgenommen hatte, in der Art, wie die Bücher angeordnet waren.

Wie waren die ersten Wochen und Monate nach der Bestattung? Was hast du unternommen um mit der Trauer umzugehen?

Die ersten Monate nach seinem Tod waren ein Nebel aus Trauer und Alltag. Ich funktionierte, aber ich lebte nicht wirklich. Die Buchhandlung wurde mein Anker. Dort spürte ich Thomas‘ Präsenz am stärksten – in jedem Buch, das er ausgewählt hatte, in jeder Ecke, die seine Handschrift trug.

Was mir besonders half, waren die anderen queeren Paare unserer Generation. Sie verstanden die besondere Art unseres Verlustes – wie es ist, jemanden zu verlieren, mit dem man nicht nur das Leben, sondern auch den Kampf um Anerkennung geteilt hat. In unserer Trauergruppe für LGBTQ+ Menschen fand ich einen Raum, wo ich auch über diese Aspekte sprechen konnte. Über die Jahre der Versteckspiele, die gemeinsamen Kämpfe, die kleinen und großen Siege auf dem Weg zur Akzeptanz.

Langsam begann ich, kleine Veränderungen in der Buchhandlung vorzunehmen. Wir richteten eine eigene Abteilung für queere Literatur ein – etwas, worüber Thomas und ich oft gesprochen hatten. Jeden Monat organisieren wir jetzt eine Lesung mit LGBTQ+ Autoren. Die Gedichtbände stehen noch immer dort, wo er sie eingeordnet hat – Whitman neben Rimbaud.

Wie schaust du heute auf alles zurück?

Heute, ein Jahr nach seinem Tod, finde ich Trost in den Worten, die er liebte. Manchmal setze ich mich abends in seinen alten Lesesessel, schlage wahllos eines seiner Bücher auf und lese. Fast immer finde ich eine Stelle, die er markiert oder kommentiert hat. Es ist, als würde er noch immer mit mir sprechen, durch die Literatur, die er so liebte.

Was hast du durch Thomas und seinen Tod gelernt?

Ich habe vor allem gelernt, dass Liebe viele verschiedene Formen kennt und jede einzelne davon wertvoll ist. Manchmal ist Akzeptanz ein langer, schwieriger Weg, aber am Ende lohnt er sich immer. Ich habe entdeckt, dass in Büchern Erinnerungen weiterleben können und dass Trauer genauso individuell ist wie die Liebe. Das wichtigste aber ist: Das Leben geht weiter, auch wenn es anders wird als zuvor, und das ist vollkommen in Ordnung.

In der Schublade meines Nachttischs liegt noch immer der letzte Zettel, den er mir in die Jacke steckte. Ein Zitat von Whitman: „Wir waren zusammen. Der Rest ist mir egal.“ Genau so möchte ich unsere Geschichte in Erinnerung behalten.

Was würdest du anderen Menschen in einer ähnlichen Situation raten?

Anderen Menschen in einer ähnlichen Situation möchte ich vor allem raten, sich Zeit für den Abschied zu nehmen, wenn sie diese Zeit haben – sie ist kostbar. Es ist wichtig, sich helfen zu lassen, sowohl praktisch als auch emotional, und Menschen zu finden, die die spezifische Situation wirklich verstehen können.

Außerdem half es mir, Orte und Wege zu suchen, um die Verbindung zu Thomas zu bewahren, auch nach seinem Tod. Erlaubt euch, auch die schönen Momente in der Trauer zu sehen – sie gehören dazu und sind nicht weniger berechtigt. Gebt der Trauer den Raum, den sie braucht, aber lasst auch Platz für die Dankbarkeit über die gemeinsame Zeit, die ihr hattet.

Sophie

Sophie

⚠️ TRIGGERWARNUNG ⚠️ In dieser Geschichte kommen die Themen Suizid und Mobbing vor. Wenn du dich nicht mit diesem Thema auseinandersetzen möchtest oder du das Gefühl hast, dieses Thema tut dir nicht gut, lies diese Geschichte bitte nicht.

Erzähle von deiner Tochter Sophie. Wie war eure Beziehung?

Sophie war mein ein und alles. Seit ihre Mutter uns verlassen hatte, als sie vier war, waren wir ein eingespieltes Team. Eine intelligente, kreative Teenagerin mit einer Leidenschaft fürs Zeichnen. Ihr Instagram-Account war voll mit ihren Kunstwerken, und sie träumte davon, Grafikdesign zu studieren. Wir hatten schon Kunsthochschulen recherchiert, Tage der offenen Tür markiert.

Als alleinerziehender Vater versuchte ich, ihr den bestmöglichen Start ins Leben zu geben. Wir hatten unsere Rituale – jeden Sonntagmorgen Pfannkuchen, abends oft gemeinsames Zeichnen am Küchentisch. Ich dachte immer, wir könnten über alles reden. Heute weiß ich, wie viel sie für sich behielt.

Wann hast du erste Veränderungen an ihr bemerkt?

Die Veränderungen kamen schleichend. Sophie, die früher so lebhaft war, wurde stiller. Sie verbrachte mehr Zeit in ihrem Zimmer, zeichnete weniger. Anfangs dachte ich, das sei normal für eine 16-Jährige. Pubertät eben. Sie trug nur noch weite Pullis, löschte plötzlich ihren Instagram-Account. „Soziale Medien sind toxisch, Papa“, sagte sie nur.

Wenn ich sie fragte, ob alles in Ordnung sei, nickte sie immer. „Nur Schulstress.“ Ich bot ihr an, mit den Lehrern zu sprechen, aber sie wehrte vehement ab. Heute weiß ich, dass sie Angst hatte, es würde alles noch schlimmer machen.

Wann wurde dir klar, dass es ernst war?

Der Wendepunkt kam, als ihre beste Freundin Lisa mich anrief. Sie erzählte von einer Gruppe in der Schule, die Sophie seit Monaten mobbte. Es hatte mit fiesen Kommentaren unter ihren Kunstposts begonnen. Dann wurden Screenshots ihrer Zeichnungen bearbeitet und mit gemeinen Texten in einer WhatsApp-Gruppe geteilt. In der Schule tuschelten sie, wenn sie vorbeiging, schlossen sie aus.

Lisa zeigte mir einige der Nachrichten auf Sophies Handy. Sie hatten sogar ein Fake-Profil mit ihren bearbeiteten Zeichnungen erstellt. „Alle können sehen, was für ein Freak du bist“, stand da. Und: „Talentlose Außenseiterin.“ „Warum lebst du überhaupt noch?“

Wie hast du reagiert?

Ich ging sofort zur Schulleitung. Sie versprachen, sich darum zu kümmern, aber ich spürte ihre Hilflosigkeit beim Thema Cybermobbing. Es gab Gespräche mit den Eltern der anderen Schüler. Einige waren betroffen, andere wiegelten ab. „Das ist doch nur Spaß unter Jugendlichen.“

Ich fand eine Therapeutin für Sophie, aber sie ging nur zweimal hin. „Die können mir auch nicht helfen, Papa.“ Ich bot ihr an, die Schule zu wechseln, aber sie hatte Angst, dass es an der neuen Schule genauso werden würde. Im Internet würde sie ja trotzdem gefunden werden.

Wie war der Tag, als du sie verloren hast?

Es war ein ganz normaler Mittwoch. Sophie ging zur Schule, ich zur Arbeit. Mittags schrieb sie mir noch eine Nachricht: „Hab dich lieb, Papa.“ Ich antwortete mit einem Herz, dachte mir nichts dabei. Als ich abends nach Hause kam, fand ich sie in ihrem Zimmer. Sie hatte Tabletten genommen. Neben ihr lag ein Brief: „Es tut mir leid, Papa. Ich bin einfach zu müde zum Kämpfen.“

Was waren deine ersten Gedanken? Wie hast du reagiert?

Mein erster Gedanke war: Das ist ein Albtraum, ich wache gleich auf. Dann kam die Panik. Ich rief den Notarzt, versuchte eine Herzdruckmassage, schrie sie an, dass sie nicht aufgeben darf. Die nächsten Stunden sind nur noch Fragmente. Sirenenlicht. Polizeibeamte. Sophies leeres Zimmer.

Lisa kam noch in der Nacht, weinend, mit Sophies Handy. Sie hatte den Code und zeigte mir alles – Nachrichten, Screenshots, die ganze Grausamkeit der letzten Monate. Ich war wie betäubt. All das war passiert, und ich hatte nichts bemerkt.

Wie waren die Tage bis zur Beerdigung?

Die Organisation der Beerdigung war surreal. Sophie hatte in ihrem Brief geschrieben, dass sie ihre Kunstwerke dabei haben wollte. Ich druckte ihre Zeichnungen aus, rahmte sie ein. Die Schule bot eine Trauerfeier an, aber ich lehnte ab. Der Gedanke, dass ihre Peiniger dabei sein könnten, war unerträglich.

Stattdessen organisierten ihre echten Freunde eine Gedenkfeier im Jugendhaus, wo Sophie oft gezeichnet hatte. Sie hängten ihre Kunst auf, erzählten Geschichten. Eine Freundin hatte alle ihre digitalen Kunstwerke gesammelt und eine Diashow gemacht. Zum ersten Mal seit ihrem Tod fühlte ich, dass Sophie irgendwie anwesend war.

Was waren besonders schwere Momente?

Das Schlimmste war das Aufräumen ihres Zimmers. Jeder Gegenstand erzählte eine Geschichte. Ihr Zeichenblock mit den letzten, unfertigen Skizzen. Die Klamotten, die sie nicht mehr trug, weil sie sich darin nicht mehr wohlfühlte. Ihr Laptop mit den offenen Tabs zu „Wie gehe ich mit Mobbing um?“

Wie waren die ersten Wochen und Monate danach?

Die ersten Monate waren ein Wechselbad aus Trauer, Wut und Schuldgefühlen. Ich ging zur Arbeit, funktionierte irgendwie, aber zu Hause starrte ich stundenlang auf ihre Zeichnungen. Hätte ich die Zeichen früher erkennen müssen? Warum hatte sie sich mir nicht anvertraut?

Was hat dir geholfen, mit der Trauer umzugehen?

Ich fand eine Selbsthilfegruppe für Eltern, die Kinder durch Suizid verloren haben. Dort traf ich andere Väter und Mütter, die ähnliches durchgemacht hatten. Wir sprachen über Warnsignale, über Schuldgefühle, über das Weiterleben danach.

Lisa und einige von Sophies Freunden besuchen mich noch regelmäßig. Sie erzählen mir von ihrer Sophie, Geschichten, die ich noch nicht kannte. Manchmal zeichnen wir zusammen in der Küche, wie Sophie und ich es früher taten.

Was hast du aus dieser Erfahrung gelernt?

Ich habe gelernt, dass Mobbing niemals „nur Spaß“ ist und die Folgen tödlich sein können. Auch starke, kreative Menschen können innerlich zerbrechen, und Warnsignale sind oft subtil – wie Rückzug, Interessenverlust oder Verhaltensänderungen. Das Internet vergisst zwar nie, aber man kann lernen, damit umzugehen. Es braucht ein ganzes Dorf, um Mobbing zu stoppen, und manchmal ist Zuhören wichtiger als Lösungen anzubieten.

Was möchtest du anderen Eltern mitgeben?

Anderen Eltern möchte ich mitgeben, dass sie Verhaltensänderungen ihrer Kinder ernst nehmen und offen über Mobbing und psychische Gesundheit sprechen sollten. Es ist wichtig, sich für die Online-Welten der Kinder zu interessieren und professionelle Hilfe zu suchen – sowohl für die Kinder als auch für sich selbst. Eltern sollten einen sicheren Raum schaffen, wo Kinder sich anvertrauen können, dabei wachsam, aber nicht überwachend sein und Präventionsprogramme an Schulen unterstützen.

Ingrid

Ingrid

Erzähle von Ingrid. Wie habt ihr euch kennengelernt?

Ingrid und ich waren 42 Jahre verheiratet. Kennengelernt haben wir uns 1978 in der Bibliothek der Uni, wo sie als Bibliothekarin arbeitete und ich als junger Dozent für Mathematik. Sie half mir, Fachliteratur zu finden, und nach mehreren „zufälligen“ Besuchen meinerseits lud ich sie zum Kaffee ein. Sie war diese warmherzige, pragmatische Frau, die mich aus meiner akademischen Kopfwelt auf den Boden der Tatsachen holte.

Wann hast du erste Veränderungen an ihr bemerkt?

Die ersten Anzeichen kamen schleichend. Ingrid war immer so organisiert gewesen, hatte den Überblick über alles. 2018, sie war gerade 65 geworden, begann sie Termine zu vergessen. Nichts Dramatisches zunächst – ein verpasster Friseurtermin, eine doppelt bezahlte Rechnung. Sie schob es auf den Ruhestand, meinte, ohne feste Struktur komme sie durcheinander.

Dann fing sie an, Geschichten zu wiederholen. Mehrmals am Tag erzählte sie von früher, von ihrer Zeit in der Bibliothek. Das war nicht wie sie. Sie war immer eine gute Zuhörerin gewesen, interessierte sich für die Gegenwart. Als sie eines Tages den Weg zum Supermarkt vergaß, in den sie seit 30 Jahren ging, wusste ich, dass etwas nicht stimmte.

Wie war der Weg zur Diagnose?

Der Gang zum Neurologen war ein Kampf. Ingrid wehrte sich, meinte, sie sei nur müde. Der Arzt machte Tests, stellte Fragen. Ingrid wurde immer nervöser, aggressiver – so kannte ich sie gar nicht. Die Diagnose war wie ein Schlag: Alzheimer-Demenz, noch im Anfangsstadium.

Auf dem Heimweg weinte sie zum ersten Mal. „Ich will nicht vergessen werden“, sagte sie immer wieder. Ich versprach ihr, dass ich sie nie vergessen würde. Dass wir das zusammen durchstehen. Damals ahnte ich nicht, wie schwer dieses Versprechen werden würde.

Wie veränderte sich euer Leben nach der Diagnose?

Die ersten Monate versuchten wir, normal weiterzuleben. Ingrid machte Listen, klebte Zettel an alle Schränke. Ich übernahm nach und nach die Haushaltsführung, die Finanzen. Sie wurde immer stiller, unsicherer. Manchmal saß sie stundenlang vor dem Fenster und starrte in den Garten.

Nachts wurde sie unruhig, wanderte durch die Wohnung. Einmal fand ich sie um drei Uhr morgens in der Küche, wie sie versuchte, einen Kuchen zu backen. „Die Kinder kommen doch zum Kaffee“, sagte sie – dabei waren unsere Kinder längst erwachsen und lebten nicht mehr in der Stadt.

Wie ging es dir in dieser Zeit?

Die Rolle als pflegender Ehemann war schwer. Nach 40 Jahren Ehe musste ich plötzlich Entscheidungen alleine treffen. Ingrid, die früher alles organisiert hatte, brauchte jetzt Hilfe beim Anziehen, beim Essen. Ich lernte, geduldiger zu sein, auch wenn sie dieselbe Frage zum zwanzigsten Mal stellte.

Am schwersten war es, wenn sie mich nicht erkannte. „Wann kommt Herbert?“, fragte sie dann, während ich neben ihr saß. Oder sie hielt mich für ihren Vater, wurde wieder zum kleinen Mädchen. In solchen Momenten fühlte ich mich so einsam, obwohl sie direkt neben mir war.

Wie war der Alltag mit der Krankheit?

Jeder Tag brachte neue Herausforderungen. Morgens wusste ich nie, welche Ingrid ich antreffen würde – meine Frau von früher, die noch Momente der Klarheit hatte? Das verängstigte Kind, das seine Mutter suchte? Oder die verwirrte Frau, die glaubte, zur Arbeit in die Bibliothek zu müssen?

Ich entwickelte Routinen, lernte ihre verschiedenen „Versionen“ zu akzeptieren. Wenn sie von früher sprach, hörte ich zu, auch wenn ich die Geschichten schon hundertmal gehört hatte. Wenn sie aggressiv wurde, weil sie die Situation nicht verstand, versuchte ich ruhig zu bleiben. Am schönsten waren die seltenen Momente, in denen sie ganz sie selbst war und mich anlächelte wie früher.

Hattest du Unterstützung in dieser Zeit?

Unsere Kinder halfen, so gut sie konnten, aber sie hatten eigene Familien, eigene Leben. Ich ging zu einer Selbsthilfegruppe für Angehörige von Demenzpatienten. Dort traf ich andere, die Ähnliches durchmachten. Wir sprachen über unsere Schuldgefühle, unsere Erschöpfung, aber auch über die kleinen Glücksmomente.

Nach zwei Jahren wurde die Pflege zu schwer. Ich war selbst nicht mehr der Jüngste, und Ingrid brauchte rund um die Uhr Betreuung. Die Entscheidung für das Pflegeheim war die schwerste meines Lebens. Ich fühlte mich wie ein Verräter, obwohl ich wusste, dass es das Beste für uns beide war.

Wie war die Zeit im Pflegeheim?

Ich besuchte sie jeden Tag, saß stundenlang an ihrem Bett. Manchmal erkannte sie mich, manchmal nicht. Die Pfleger waren wunderbar, aber es brach mir das Herz zu sehen, wie wenig von meiner lebhaften, klugen Ingrid noch übrig war.

Sie sprach kaum noch, aber wenn ich ihr aus ihren alten Lieblingsbüchern vorlas, schien sie manchmal zu lauschen. Ich brachte Fotos mit, erzählte von unseren Kindern, den Enkeln. Ab und zu huschte ein Lächeln über ihr Gesicht, als würde eine Erinnerung aufblitzen.

Wie waren die letzten Tage?

In den letzten Wochen wurde sie immer schwächer, verweigerte das Essen. Die Ärzte sagten, das sei normal bei fortgeschrittener Demenz. An ihrem letzten Tag hatte sie einen ungewöhnlich klaren Moment. Sie sah mich an, drückte meine Hand und sagte meinen Namen – zum ersten Mal seit Monaten. Am nächsten Morgen schlief sie friedlich ein.

Wie hast du dich nach ihrem Tod gefühlt?

Die Gefühle nach ihrem Tod waren kompliziert. Da war natürlich tiefe Trauer, aber auch eine Art Erleichterung – und dann Schuldgefühle wegen dieser Erleichterung. In gewisser Weise hatte ich ja schon Jahre um sie getrauert, hatte mich Stück für Stück von ihr verabschieden müssen.

Der erste „richtige“ Abschied war, als sie mich nicht mehr erkannte. Der zweite, als sie ins Heim musste. Ihr Tod war wie ein dritter Abschied – endgültig diesmal, aber irgendwie auch versöhnlich. Sie musste nicht mehr leiden, nicht mehr verwirrt sein.

Wie waren die ersten Wochen nach ihrem Tod?

Die ersten Wochen waren seltsam leer. Keine Besuche im Heim mehr, keine Organisation von Pflege und Medikamenten. Ich hatte fast vergessen, wie Stille sich anfühlt. Manchmal ertappte ich mich dabei, wie ich zum Telefon griff, um im Heim anzurufen – aus Gewohnheit.

Das Aufräumen ihrer Sachen war schwer. Ich fand ihre alten Notizbücher aus der Bibliothek, perfekt geordnet wie früher. Ihre Handschrift darin – klar, ordentlich, so anders als ihre verworrenen letzten Notizen. Es war, als würde ich zwei verschiedene Frauen verabschieden.

Was hat dir geholfen, mit der Trauer umzugehen?

Ich begann, ein Tagebuch zu schreiben. Nicht nur über die Trauer, sondern auch über unser gemeinsames Leben vor der Krankheit. Die schönen Momente, die lustigen Geschichten. Es half mir, mich an die „echte“ Ingrid zu erinnern, nicht nur an die kranke Frau der letzten Jahre.

Die Selbsthilfegruppe war weiter eine große Stütze. Dort verstand man diese besondere Art von Trauer – den langen Abschied, die verschiedenen Verluste, die Schuldgefühle. Wir sprachen darüber, wie man die Person in Erinnerung behält, die sie vor der Krankheit war, ohne die schwere Zeit zu verdrängen.

Wie schaust du heute auf alles zurück?

Heute, eineinhalb Jahre nach ihrem Tod, kann ich dankbar auf unsere gemeinsame Zeit zurückblicken. Die Krankheit war nur ein kleiner Teil unserer Geschichte, auch wenn er am Ende so viel Raum einnahm. In meiner Erinnerung ist sie wieder die lebhafte Bibliothekarin, die mich damals mit ihrer warmherzigen Art verzauberte.

Ich habe gelernt, dass Liebe sich wandeln kann. In den Jahren ihrer Krankheit liebte ich sie anders als früher, aber nicht weniger. Jetzt, nach ihrem Tod, wandelt sich diese Liebe wieder – in kostbare Erinnerungen, in Dankbarkeit für die gemeinsame Zeit.

Was hast du aus dieser Erfahrung gelernt?

Aus dieser schweren Zeit habe ich vor allem gelernt, dass der Abschied bei Demenz lange vor dem eigentlichen Tod beginnt. Man muss sich von der geliebten Person in mehreren Etappen verabschieden, und das bringt Schuldgefühle mit sich, die völlig normal sind, aber nicht hilfreich.

Wichtig ist es, auch auf sich selbst zu achten und Unterstützung anzunehmen – das ist keine Schwäche, sondern eine Stärke. Selbst in den schwersten Zeiten gibt es immer wieder schöne Momente, die man festhalten sollte. Und ganz wesentlich ist es, die Person vor der Krankheit nicht zu vergessen, sondern sie in lebendiger Erinnerung zu behalten.

Was möchtest du anderen Menschen in ähnlichen Situationen mitgeben?

Anderen Menschen, die Ähnliches durchmachen, möchte ich vor allem raten, sich Zeit für den mehrfachen Abschied zu nehmen und nicht zu erwarten, dass alles perfekt läuft. Es ist hilfreich, sich Unterstützung zu suchen und sich mit anderen Betroffenen auszutauschen, die verstehen, was man durchmacht. Man sollte sich selbst vergeben, wenn nicht alles gelingt, wie man es sich vorgestellt hat. Die schönen Erinnerungen an die gemeinsame Zeit vor der Krankheit sollten bewahrt und gepflegt werden.

Und am wichtigsten: Die Liebe sollte größer sein als die Krankheit – sie trägt durch die schweren Zeiten und bleibt bestehen, auch wenn sich ihre Form verändert.

In meinem Arbeitszimmer steht noch immer Ingrids alte Bibliotheksbrille. Manchmal setze ich sie auf, wenn ich in unseren Fotoalben blättere. Die Gläser sind nicht mehr ganz klar, aber durch sie sehe ich unsere Geschichte besonders deutlich – nicht nur das schwere Ende, sondern all die wunderbaren Jahre davor.

Zeynep

Zeynep

⚠️ TRIGGERWARNUNG ⚠️
In dieser Geschichte kommen die Themen Depressionen und Suizid vor. Wenn du dich nicht mit diesen Themen auseinandersetzen möchtest oder du das Gefühl hast, dieses Thema tut dir nicht gut, lies diese Geschichte bitte nicht.


Erzähle von Zeynep. Wie habt ihr euch kennengelernt?

Zeynep und ich kannten uns seit der Grundschule. Wir waren beide Töchter türkischer Einwanderer und teilten die besondere Erfahrung, in zwei Kulturen aufzuwachsen. Unsere Familien hatten unterschiedliche Ansätze – meine Eltern waren sehr liberal, Zeyneps Familie hielt stärker an Traditionen fest. Vielleicht verstanden wir uns deshalb so gut – wir beide schätzten sowohl unsere türkischen Wurzeln als auch unser Leben in Deutschland.

Wir teilten alles: die Geheimnisse unserer ersten Verliebtheiten, unsere Träume für die Zukunft, die Freude an besonderen Festen beider Kulturen. Nach dem Abitur studierte ich Jura, sie Medizin – wir wollten beide etwas bewirken. Zeynep war brillant, ehrgeizig und nach außen hin immer stark. Nur mir zeigte sie auch ihre nachdenkliche, verletzliche Seite.

Hast du Veränderungen an ihr bemerkt?

Im letzten Jahr ihres Studiums begann sie sich zu verändern. Die Prüfungen, der hohe Anspruch an sich selbst, der Wunsch, sowohl ihrer Familie als auch ihren eigenen Erwartungen gerecht zu werden – es wurde zu viel. Sie zog sich zurück, sagte immer öfter unsere Treffen ab. Wenn ich sie fragte, wie es ihr ging, lächelte sie nur und sagte „Mir geht’s okay, nur ein bisschen gestresst“.

Ich versuchte, sie zu überreden, sich professionelle Hilfe zu suchen. Aber psychische Belastungen offen anzusprechen, fiel ihr schwer – wie vielen Menschen verschiedener Herkunft. „Was, wenn es meiner Karriere schadet?“, fragte sie. „Eine angehende Ärztin, die selbst Unterstützung braucht?“ Sie suchte Kraft im Gebet und in den Traditionen ihrer Familie, aber die Gedanken ließen nicht nach.

Wie hast du von ihrem Tod erfahren?

Es war an einem Donnerstagmorgen. Ihre Mutter rief an, völlig aufgelöst. Zeynep hatte in der Nacht eine Überdosis Tabletten genommen. Sie hinterließ einen Brief – einen auf türkisch für ihre Familie, einen auf deutsch für mich. „Vergib mir“, stand am Ende.

Was waren deine ersten Gedanken? Wie hast du reagiert?

Mein erster Gedanke war: Das kann nicht sein. Zeynep war doch die Starke von uns beiden. Die, die für ihre kleine Schwester eintrat, als diese einen deutschen Freund haben wollte. Die, die sich für Gleichberechtigung einsetzte und trotzdem ihre kulturellen Wurzeln schätzte.

Ich fuhr sofort zu ihrer Familie. Das Haus war voller Menschen – Verwandte, Nachbarn, Freunde aus beiden Kulturkreisen kamen zusammen, um Trost zu spenden. Es herrschte eine bedrückte Stille. Bei einem Suizid wissen viele nicht, wie sie reagieren sollen – das gilt für Menschen aller Herkunft. Aus Scham und Unwissen wurde den Nachbarn gesagt, es sei ein plötzlicher Herzinfarkt gewesen.

Wie war die Zeit bis zur Bestattung?

Die Tage bis zur Beerdigung waren geprägt von schwierigen Entscheidungen. Zeyneps Vater wollte erst, dass sie in der Türkei beigesetzt wird – aus Liebe zu ihr und den Traditionen der Familie. Ihre Schwester und ich setzten uns dafür ein, dass sie hier bleiben durfte – in der Stadt, die auch ihre Heimat war. Der Imam rang mit der Situation, aber Zeyneps Onkel, der in der Gemeinde geschätzt war, fand die richtigen Worte. „Gott ist barmherzig“, sagte er, „und Zeynep hat so viel Gutes getan.“

Die Beerdigung selbst wurde zu einem bewegenden Zusammenkommen verschiedener Welten. Deutsche Freunde fragten respektvoll nach den Gepflogenheiten. Die türkische Gemeinde zeigte ihre Solidarität. Ich half dabei zu vermitteln, genau wie Zeynep es immer getan hatte.

Was waren besonders schwere Momente?

Am schwersten war es, ihre kleine Schwester aufzufangen. Sie war wütend und verzweifelt – auf Zeynep, auf sich selbst, auf eine Gesellschaft, die psychische Probleme oft noch tabuisiert. „Hätte sie nur früher Hilfe gesucht“, schluchzte sie. Ich teilte ihre Verzweiflung und wusste gleichzeitig, dass es keine einfachen Antworten gab.

Auch die gut gemeinten, aber hilflosen Kommentare in der Gemeinde schmerzten. „Sie schien doch so stark“, hieß es, „wie konnte das passieren?“ Als ob Stärke gegen Depression schützen würde. Einige suchten Erklärungen in kulturellen Konflikten, andere in der modernen Gesellschaft – dabei war Zeyneps Leiden viel komplexer.

Wie waren die ersten Wochen und Monate danach?

Ich suchte Unterstützung bei Menschen, die ähnliche Erfahrungen gemacht hatten. In einer interkulturellen Trauergruppe fand ich andere, die verstanden, was es bedeutet, zwischen verschiedenen Welten zu trauern und zu heilen.

Gleichzeitig begann ich vorsichtig, in unserer Gemeinde über seelische Gesundheit zu sprechen. Ich organisierte einen Vortrag in der Moschee über Stress und Belastungen bei jungen Menschen. Viele der älteren Frauen öffneten sich und erzählten von ihren eigenen Sorgen und „Herzschmerzen“. Es entstand ein wertvoller Dialog zwischen den Generationen.

Was hat dir geholfen, mit der Trauer umzugehen?

Zeyneps Tod wurde für mich zu einer Motivation, etwas zu verändern. Ich engagierte mich in einem Verein für kultursensible Beratung. Dort lernte ich Therapeuten verschiedener Herkunft kennen, die Brücken bauen zwischen unterschiedlichen Welten des Verstehens und Heilens.

Ich begann ein Tagebuch zu schreiben und Briefe an Zeynep, erzählte ihr von den positiven Veränderungen, die ihr Leben und auch ihr Tod angestoßen hatten. Ich kochte ihre Lieblingsgerichte und teilte die Rezepte mit anderen – so blieb sie auf schöne Weise präsent.

Wie schaust du heute auf alles zurück?

Heute, zwei Jahre später, sehe ich Zeyneps Geschichte auch als Wendepunkt. In unserer Moschee gibt es jetzt eine Sozialberatung, die verschiedene kulturelle Perspektiven berücksichtigt. Zeyneps Schwester studiert Psychologie. Ihre Mutter, die früher Schwäche nicht zeigen wollte, ist aktiv in einer Selbsthilfegruppe für trauernde Eltern.

Die Trauer ist nicht verschwunden, aber sie hat sich gewandelt. Wenn ich mit Jugendlichen aus der Gemeinde spreche, erzähle ich von Zeynep – nicht nur, wie sie ging, sondern vor allem, wie sie lebte. Als Brückenbauerin zwischen Welten, stark und verletzlich zugleich, stolz auf ihre Herkunft und offen für neue Wege.

Was hast du aus dieser Erfahrung gelernt?

Seelischer Schmerz ist universell und betrifft Menschen aller Kulturen. Traditionen können sowohl Halt als auch Herausforderungen bedeuten, und es braucht Mut und Geduld, Tabus behutsam aufzubrechen. Ich habe gelernt, dass Veränderung oft durch persönliche Begegnungen geschieht und verschiedene kulturelle Ansätze sich ergänzen und bereichern können. Trauer und Heilung haben viele Gesichter – alle sind berechtigt.

Was würdest du anderen in einer ähnlichen Situation raten?

Sucht euch Unterstützung bei Menschen, die euch verstehen. Nutzt alle Ressourcen, die euch helfen – seien es moderne Therapien oder traditionelle Weisheiten. Respektiert Traditionen, aber lasst euch nicht von ihnen einschränken. Baut Brücken zwischen verschiedenen Unterstützungssystemen und seid geduldig mit Veränderungen – sowohl bei euch selbst als auch in eurer Gemeinschaft. Teilt eure Geschichte, wenn ihr bereit seid – sie kann anderen helfen.

Simon

Simon

Wie würdest du deine Beziehung zu Simon beschreiben? Wie war er als Bruder?

Zwischen Simon und mir lagen vier Jahre. Er war der Große, ich die Kleine – eine klassische Geschwisterkonstellation. Wir hatten unsere Höhen und Tiefen, wie alle Geschwister. Als Kinder konnten wir uns streiten wie die Kesselflicker, aber sobald einer von uns Probleme hatte, hielten wir zusammen wie Pech und Schwefel.

Mit dem Erwachsenwerden wurde unsere Beziehung entspannter. Simon war mit 28 erfolgreicher Webdesigner, ich studierte noch Lehramt. Wir wohnten nur eine halbe Stunde voneinander entfernt und trafen uns regelmäßig zum Sonntagsfrühstück. Er brachte dann immer diese unfassbar guten Croissants mit, die es nur bei diesem einen kleinen Bäcker in seiner Straße gab.

Wie hast du von seinem Unfall erfahren?

Die Nachricht kam während meiner Vorlesung. Drei verpasste Anrufe von Mama. Als ich zurückrief, wusste ich sofort, dass etwas nicht stimmte. Ihre Stimme klang anders. „Simon hatte einen Unfall. Er… er hat es nicht geschafft.“ Die Worte ergaben keinen Sinn. Vor zwei Tagen hatten wir noch über seine Urlaubspläne für den Sommer gesprochen.

Was waren deine ersten Gedanken? Wie hast du reagiert?

Mein erster zusammenhängender Gedanke war: Das muss ein Irrtum sein. Simon war immer vorsichtig im Verkehr, trug seinen Helm. Aber manchmal reicht eine Sekunde Unachtsamkeit – ein Auto übersah ihn an einer Kreuzung. Die Verletzungen waren zu schwer.

Wie waren die ersten Stunden nach der Nachricht?

Die ersten Tage waren wie in Watte gepackt. Familie und Freunde kamen, brachten Essen, kümmerten sich um die Organisation. Ich funktionierte irgendwie, half bei den Vorbereitungen für die Beerdigung, suchte Fotos aus. Nachts lag ich wach und scrollte durch unsere WhatsApp-Chats. Das letzte, was er mir geschickt hatte, war irgendein blödes Meme. Trotzdem hätte ich mir nichts lieber gewünscht, als wieder mit ihm zu schreiben.

Wie war die Bestattung für dich?

Die Beerdigung selbst war schön, wenn man das so sagen kann. Viele von Simons Freunden kamen, seine Arbeitskollegen, sogar sein alter Klassenlehrer. Sie alle hatten Geschichten über ihn zu erzählen – wie hilfsbereit er war, wie er andere zum Lachen brachte, wie er immer eine Lösung fand. Es war seltsam zu sehen, wie viele Leben er berührt hatte, ohne dass ich es wirklich mitbekommen hatte.

Was waren besonders schwere Momente?

Schwer wurde es erst danach. Der Alltag sollte weitergehen, aber nichts fühlte sich normal an. Ich schob meine Prüfungen um ein Semester. Mama stürzte sich in die Arbeit, Papa wurde still. Simons Wohnung mussten wir auflösen. Jeden Gegenstand, den wir in die Hand nahmen, verband eine Geschichte mit ihm. Seine Kaffeetasse mit dem abgebrochenen Henkel, die er partout nicht wegwerfen wollte. Die Gitarre, die er sich zum 25. Geburtstag gekauft hatte, obwohl er nie richtig spielen lernte.

Was hat sich für dich am meisten verändert?

Was mir besonders zu schaffen machte, war das Gefühl, jetzt Einzelkind zu sein. Niemand mehr, der sich mit mir über unsere Eltern aufregen konnte. Niemand, der die gleichen Kindheitserinnerungen teilte. Bei Familientreffen fehlte sein sarkastischer Kommentar zu Tante Berthas Kartoffelsalat.

Gab es einen Wendepunkt in deiner Trauer?

Ein Wendepunkt kam durch Simons besten Freund Jan. Er erzählte mir, dass Simon ihm von meinen Zweifeln am Lehrerberuf erzählt hatte. „Er war so stolz auf dich“, sagte Jan, „dass du deinen eigenen Weg gehst.“ Das traf mich unerwartet. Simon und ich hatten nie viel über solche Gefühle gesprochen.

Was hat dir geholfen, mit der Trauer umzugehen?

Ich begann, ein Tagebuch zu schreiben. Nicht nur über die Trauer, sondern auch Briefe an Simon. Was ich ihm noch sagen wollte, was ich vermisste, wofür ich dankbar war. Es half mir, die Verbindung zu ihm nicht zu verlieren. Gleichzeitig merkte ich, wie sich die Erinnerungen veränderten – sie taten noch weh, aber es mischte sich auch etwas Warmes, Dankbares hinein.

Nach einem Jahr nahm ich sein altes Rennrad und ließ es reparieren. Simon hatte immer gesagt, ich solle mehr Sport machen. Anfangs fuhr ich nur kurze Strecken, aber mittlerweile ist es zu einem festen Teil meines Lebens geworden. Manchmal, wenn ich unterwegs bin, habe ich das Gefühl, er fährt neben mir her und macht sich über meine noch immer nicht perfekte Schalttechnik lustig.

Wie schaust du heute auf alles zurück?

Heute, zwei Jahre später, studiere ich wieder. Die Trauer kommt noch in Wellen, besonders an seinem Geburtstag oder wenn ich zufällig sein Lieblingslied höre. Aber es ist anders als am Anfang. Ich kann wieder über die lustigen Momente mit ihm lachen. In meinem Arbeitszimmer hängt sein altes Büro-Whiteboard, auf dem er immer seine Projekte plante. Manchmal schreibe ich ihm darauf Nachrichten.

Was hast du aus dieser Erfahrung gelernt?

Trauer verläuft nicht linear. Manchmal denkt man, man hat es überwunden, und dann trifft es einen wieder aus heiterem Himmel. Es ist wichtig, sich Zeit zu nehmen und nichts zu überstürzen. Erinnerungen dürfen auch schön sein, mitten in der Trauer. Man muss seinen eigenen Weg finden, mit dem Verlust umzugehen. Die Beziehung zu den Eltern verändert sich – manchmal muss man auch stark für sie sein. Der Mensch ist nicht wirklich weg, er lebt in den kleinen Momenten des Alltags weiter.

Simon hätte gewollt, dass ich weitermache. Nicht verbittert, sondern mit der gleichen Neugier aufs Leben, die er hatte. Das versuche ich jeden Tag. Und manchmal, wenn ich ein besonders schlechtes Meme sehe, öffne ich automatisch WhatsApp – und erinnere mich dann, dass ich es ihm nicht mehr schicken kann. Aber ich lächle dabei.

Tim

Tim

Erzähl mir von der Nacht, in der du von seinem Tod erfahren hast.

Ich habe in der Nacht vom 14. auf den 15. Januar von dem Tod meines Cousins erfahren. Zu diesem Zeitpunkt war ich in meiner kleinen Wohnung in meiner Studienstadt. Ich habe bereits ein paar Stunden zuvor, gegen 1.45 Uhr nachts, die Nachricht erhalten, meine Tante sei mit meinem Cousin verschwunden. Gegen 3.47 Uhr rief mein Vater mich an und teilte mir unter Tränen mit, dass sie aufgefunden worden sind, er jedoch tot. Ich habe am Telefon geschrien und geweint. Um mich herum fühlte sich alles so unwirklich an – ich war wie benommen. Ich bin in den Stunden danach in meine Heimat gefahren und fühlte im gesamten Körper eine starre Lähmung, die mir half, im Zug nicht zusammenzubrechen. Die Tage darauf war alles benommen und die Welt lag im Dunkeln vor mir. Ich wusste, meine Tante hat meinen Cousin getötet und der Schmerz war kaum aushaltbar.

Wie hast du die Zeit bis zur Bestattung erlebt?

Zunächst wurde der Körper meines Cousins kriminalpolizeilich untersucht. Nach dieser Phase konnte die Familie mit dem weiteren Umgang entscheiden. Mein Onkel entschied sich für eine Urnenbestattung um ihm selbst mehr Zeit zu geben, sich darauf vorzubereiten. Wir konnten jedoch eine Woche nach der Ermordung den Leichnam meines Cousins sehen und ihn verabschieden. Das Bestattungsunternehmen hat ihn dafür aufgebahrt und mein Opa suchte einen weißen Sarg aus. Der Weg zu seinem offenen Sarg, den ich gewollt allein beschritt, war der schlimmste Gang meines Lebens. Die Beerdigung war Ende Februar. Die Zeit bis dahin fühlte sich endlos an.

Der Tag der Bestattung – Wie hast du ihn erlebt?

Der Tag der Bestattung war von einem überragenden Zusammenhalt von Familie und Freunden geprägt. Meine Stiefmutter brachte morgens meinen kleinen Halbbruder in den Kindergarten, mein Vater und ich machten uns fertig. Als sie wieder da war, fuhren wir zu meinem Opa in das Haus, in dem die gesamte Familie bereits wartete. Familienmitglieder schmierten Stullen, um uns bei Kräften zu halten. Ich sollte und wollte während der Beerdigung eine Rede halten. Ich ging in den Garten und übte diese unter Tränen. Mein Onkel kam raus zu mir und nahm mich fest in seine Arme.

Später standen mein Vater, mein Onkel und ich schweigend nebeneinander im Garten und schauten in die Sonne. Wir fuhren vor zum Friedhof, während mein Onkel mit seinem Cousin noch kurz zu Hause innehielt. Beim Ankommen am Friedhof standen über hundert Menschen vor der kleinen Kapelle, es waren so viele Menschen, dass nicht alle in die Kapelle passten.

Wie lief die Beisetzung für dich ab?

Ich ging zunächst zum Grab meiner Oma und bat darum, dass sie auf meinen kleinen Cousin gut aufpasst. Danach fragte mich der Trauerredner, ob ich ihm nicht kurz in die Kapelle folgen möchte, um zu sehen, wo ich reden werde. Ich war die Erste, die die Urne meines Cousins gesehen hat. Als mein Onkel ankam, nahm mein Vater ihn in den Arm und lief den Weg mit ihm zur Kapelle, die Familie folgte. Die Menschen formten einen Gang für uns. Wir hielten inne auf den Stufen hoch, die Türen öffneten sich und wir setzten uns in die ersten Reihen. Ich saß links am Gang, neben mir meine Stiefmama.

Nach einführenden Worten durfte ich meine Rede halten.  Es war herzzerreißend. Nach der Zeremonie trug der Urnenträger die Urne an uns vorbei hin zu seinem Grab. Wir folgten ihm direkt. Hinter uns bildete sich eine Schlange aus über 100 Menschen. Wir alle hatten dann Zeit uns am Grab zu verabschieden. Wir als Familie legten ihm sein liebstes Spielzeug in das Grab. Als alle Menschen gegangen waren, wir kurz davor waren zum Restaurant zu fahren, da stand die Familie vor dem Friedhof und alle rauchten jeweils eine Zigarette zusammen.

Wie waren die ersten Wochen und Monate nach der Bestattung?

Zunächst war die Trauer erdrückend. Jedoch waren Wut und Schuldgefühle viel präsenter und tobten in mir. Der Hass auf meine Tante überwog zunächst die Trauer um meinen Cousin. Meine Freund:innen und meine Familie waren bemüht und besorgt, tänzelten um mich herum, wussten oftmals nicht, wie sie mit mir umgehen können. Ich selbst war auch mit mir überfordert. Aber ich hatte feste Stützen, die mich ablenkten und mich in ihrer Welt eintauchen ließen.

Ich suchte mir Therapie und hatte Glück aufgrund der Tragik meines Traumas relativ schnell einen Ersttermin zu erhalten. Aber da es inhaltlich dort anfänglich um viel mehr ging als nur um die Ermordung, suchte ich mir nebenbei noch eine Trauerbegleiterin, die sich mit mir darauf fokussierte.

Was hat sich durch den Verlust für dich geändert?

In jener Zeit verlor ich Freund:innen und eine Beziehung. Das war schmerzhaft, jedoch nötig für meine Entwicklung. Ich fühlte mich nicht mehr wie „davor“. Mir wurde bewusst, wie sehr ein Tag ein Leben in ein Davor und Danach spalten kann. Ich überdachte mein gesamtes Leben. Setzte zunächst alles auf Stillstand, war arbeiten, legte aber die Bachelorarbeit zur Seite.

Meine beste Freundin betitelte es einmal wie folgt: „Du bist in einer außergewöhnlichen Situation, du hast die Möglichkeit dir Neues aufzubauen und dein Leben zu verändern.“ Und es veränderten sich Werte und Blickwinkel auf die Welt. Ich veränderte mich, war danach allein auf Reisen, versuchte zu mir zu finden, unter ständiger Begleitung von Therapie. Die Phase war schwer, fühlte sich oft einsam an, jedoch gewann ich dank der Gefühlsarbeit eine Nähe zu mir, die ich noch nie so verspürt habe.

Dennoch gab es auch Rückschläge und Entwicklungen, die negativ waren. Ich wurde depressiver, ängstlicher und mein Weltbild trübte sich. Meine Tante kam nach fünf Monaten frei und lebt bis heute ohne Strafe. Doch besonders wegen der Dunkelheit in meinem Leben ist Therapie eines der größten Lichtblicke, die es gibt. Denn dort lerne ich, mit diesem Trauma umzugehen.

Wie schaust du heute auf alles zurück?

Ich glaube nicht, dass Trauer ein Wald ist, der beim Durchqueren dunkel und kühl ist, aus dem man jedoch wieder herauskommt und hinter sich lässt – so ist das nicht. Trauer ist wie eine zweite Haut, die man sich anzieht. Zu Beginn schmerzt es sie zu tragen, man will sie abstoßen. Doch irgendwann darf man anerkennen, dass sie zu einem gehört. Und es tut auch immer noch weh, das darf so sein, aber in Trauer kann auch etwas Warmes sein.

Was würdest du jemandem raten, der eine ähnliche Situation durchlebt?

Es benötigt professionelle Hilfe, ein gutes Umfeld und eigene Willensstärke, sich der Dunkelheit entgegenzusetzen, aber es kann funktionieren. Trauer hat mich gelehrt, anders mit meinen Gefühlen, Bedürfnissen und Grenzen umzugehen. Ich empfinde positive Gefühle wie Freude heute ganz anders, denn auch diese sind durch Trauer geprägt – und lasst mich es hier einmal auch ausschreiben: Freude und Trauer können und dürfen co-existieren und gemeinsam gefühlt werden.

Es ist viel Arbeit mit der Trauer. Und Rückschläge sind ganz normal. Nehmt es niemals zu ernst mit euch selbst, gebt euch Raum und Zeit. Apropos Zeit: Zeit heilt nicht alle Wunden, sie lehrt uns nur mit dem Unbegreiflichen umzugehen.

Ein besonderer Tipp: Kinderbücher zum Thema Trauer und Tod. Manchmal müssen auch Erwachsene die bunten Seiten des Todes aus Kindesaugen sehen, um neue Kraft und neuen Mut zu sammeln.

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