Falk

Falk

Wie war der Tag, als du von dem Tod erfahren hast?

An dem Tag an dem mein Vater starb, war ich zuhause. Es passierte alles, während ich schlief. Ungefähr gegen 9:00 Uhr wachte ich schreckhaft auf mit dem Wissen, verschlafen zu haben. Zu dem Zeitpunkt war ich 14 Jahre alt und wurde normalerweise immer von meinem Vater geweckt. Als ich auf die Uhr schaute, stürmte ich wutentbrannt aus meinem Zimmer, um zu sehen warum mich keiner geweckt hatte.

Als ich um die Ecke des Flurs ging änderte sich plötzlich alles und ich realisierte das etwas ganz und gar nicht stimmt. Am Ende des Flurs standen Polizeibeamte. Mein erster Gedanke war: Unser Hund ist mal wieder abgehauen. Die Idee, dass einem Familienmitglied etwas zugestoßen sein könnte, kam mir nicht mal ansatzweise in den Sinn. Ich lief umgehend zurück in mein Zimmer und setzte mich auf mein Bett. Nach kurzer Zeit kam meine Mutter ins Zimmer und sagte, dass Sie mir gleich alles erkläre. Ganz schnell führte sie mich im Arm runter.

Unten angekommen, merkte ich, dass etwas wirklich Schlimmes passiert sein musste. Mein Bruder, der zu dem Zeitpunkt schon ausgezogen war, war auch da und sah bitterlich verweint aus. Daraufhin erzählte Mama mir, dass Papa verstorben ist an diesem Morgen und alles ganz plötzlich kam. Ich werde diesen Moment wohl nie vergessen.

Was hast du in diesem Moment gefühlt?

Die Gedanken an meine letzten Momente mit Papa kreisten nur so um mich und schweben mir bis heute ständig im Kopf. An dem Tag brach meine Welt zusammen und ich wusste nicht, inwiefern ich diesen Verlust wohl jemals ertragen könnte. Der Schmerz einen so geliebten Menschen zu verlieren, wird nie verschwinden. Die Art und Weise wie man damit lebt ändert sich allerdings.

Ich habe mich nicht von meinem Vater verabschiedet, da ich meine Erinnerung nicht mit einem solchen Moment trüben wollte. Bis heute glaube ich, war es die beste und schwerste Entscheidung zugleich. Denn der Abschied und das Realisieren des Verlustes sind dadurch schwierig. Wie soll man auch begreifen, dass man diesen Menschen nie wiedersehen wird, wenn er doch am Abend vorher noch Scherze mit dir gemacht hat? Andererseits hat sich das positive, vitale Bild meines Vaters dadurch nie verändert. Und darum bin ich sehr froh.

Wie war die Zeit bis zur Bestattung für dich?

Ich habe die Zeit mit meinem damaligen Freund verbracht. Mein Vater starb an einem Freitag. Ich bin bereits montags wieder in die Schule zurückgekehrt, da ich den Trubel zuhause nicht aushielt. Auch meine Mutter wollte mich davor schützen. Nach einem plötzlichen Todesfall ist der anstehende Papierkram enorm und bürokratisch entstehen einige Hürden. Ich habe mich also so gut es geht abgelenkt.

Ich habe mit meinen Freunden über alles sprechen können, daher war es kein Verdrängen sondern ein einfaches Abtauchen aus der Situation. Auch wenn zu diesem Zeitpunkt alles völlig unreal scheint. Ich glaube das, was mich im Nachhinein am meisten schockiert hat, ist die Tatsache, was alles auf meine Mutter zukam. Der Verlust eines geliebten Menschens, ein Umzug etc. sind schon Herausforderung genug. Doch das System erschwert viele Prozesse und verlangt finanziell und bürokratisch enorm viel von den Betroffenen ab.

Der Tag der Bestattung – wie hast du ihn erlebt?

Der Tag der Bestattung war sehr emotional und auch sehr bedrückend. Allerdings hatten wir zwei Trauerfeiern. Eine bei uns im Garten für alle Freunde und Angehörige und eine private Beisetzung in Hessen auf einem Waldfriedhof. Eine Beisetzung/Trauerfeier für einen recht jungen Mann, der plötzlich verstirbt, kann nur extrem schmerzhaft sein, weil der Tod so unfair scheint. Allerdings haben wir das Beste aus der Situation gemacht.

Was ist dir von diesem Tag positiv in Erinnerung geblieben?

Zu sehen wie viele Menschen mein Vater berührt und bewegt hat in seinem Leben, hat mir nur nochmal bestätigt was für ein wunderbarer Mensch er doch war. Und dass nicht nur ich um ihn trauern werde, sondern er täglich von so vielen Menschen vermisst werden wird. Er hat Spuren hinterlassen und niemand würde ihn je vergessen. Das hat mir ein Stück Mut, Hoffnung und Glücksgefühl beschert.

Denn ich konnte zumindest sagen, was ich für ein Glück hatte 14 Jahre lang einen solchen Vater gehabt zu haben. Einen Vater, der mir und meiner Familie so viel gegeben hat und mich mit größter Güte und Liebe erzogen hat. So ein Glück erfahren nicht alle Kinder. Das Wissen, immerhin 14 Jahre von ihm gehabt zu haben und so viel von ihm gelernt zu haben, hat mich mit Stolz erfüllt und durch diesen Tag gebracht.

Wie waren die ersten Wochen und Monate nach der Bestattung?

Die erste Zeit nach dem Tod meines Vaters war extrem schwierig. Ich habe zwar weiter gemacht wie zuvor, und auch weiterhin gelacht und glückliche Momente gelebt. Aber das Bewusstsein darüber was der Tod bedeutet und dass ein Leben endlich ist, war für mich zu diesem Zeitpunkt einfach nicht wirklich greifbar. Ich dachte ständig daran, meinen Vater bald wiederzusehen.

Auch heute denke ich, dass es nicht möglich ist, dass ich meinen Vater nie wieder umarmen kann. Diese bittere Realität werde ich nie begreifen können. Gerade zu Beginn war ich sehr sensibel und war schnell am Wasser gebaut. Das was mir in diesen Momenten am meisten geholfen hat, war der enge Bezug zu meinen Freunden. Ich musste so viel unternehmen, wie ich nur konnte. Denn vor meiner Mutter Trauer zeigen und zu weinen, war kaum vorstellbar.

Meine Mutter bat mich deshalb zu einer Psychologin zu gehen, aus dem einfachen Grund, dass sie nicht kontrollieren konnte, inwiefern ich über meine Trauer spreche. Für mich war das auch vollkommen okay und ich begab mich in eine Form von wöchentlichen Gesprächen mit meiner Psychologin. Es gab mir zwar einen neutralen Blick auf die Dinge, aber ich kann nicht sagen, dass Sie mir helfen konnte. Das liegt aber vor allem daran, dass man mir nicht helfen musste, denn ich habe meine Trauer bei meinen Freunden auslassen können und schon immer gut über den Verlust sprechen können.

Ich glaube das ist mit Abstand der wichtigste Punkt nach einem derartigen Ereignis. Ohne die offene Kommunikation wäre ich innerlich vermutlich daran zerbrochen. Mein Freund war mir zu dem Zeitpunkt eine sehr große Hilfe. Meine Freundinnen waren alle ebenfalls sehr bestürzt, da auch sie ein sehr enges Verhältnis zu meiner Familie und besonders zu meinem Vater hatten. Sie schwelgen bis heute gerne mit mir in Erinnerung und gemeinsam können wir über all die schönen Momente lachen, die mein Vater uns bescherte.

Was hat dich angetrieben, deinen Weg weiter zu gehen?

Es gab einige Menschen, die nicht begreifen konnte wie ich „einfach so weitermachen könnte“ und warteten förmlich auf einen Absturz. Ich denke es gibt viele Menschen, die ein solches Ereignis nicht verkraften. Für mich ist es bis heute auch nicht leicht, aber ein Gedanke hat mich durch alles hindurch geführt: Ich möchte meinen Vater stolz machen. Er soll von Oben auf mich herabschauen und glücklich sein. So wie er es auch von mir verlangen würde glücklich zu sein.

Ein weiterer Gedanke hielt mich über Wasser: Diese Art eines plötzlichen Todes ist zwar für die Zurückgebliebenen das Schlimmste, da es die Welt völlig unerwartet auf den Kopf stellt. Für meinen Vater war es allerdings die beste Form. Schnell, kurz und unspektakulär. Kein langer Leidensweg. Genau so hätte er es sich gewünscht.

Wie schaust du heute auf alles zurück?

Die Trauer verlässt einen nie. Es begleitet mich jeden Tag. Und jeden Tag wache ich auf und hoffe es wäre anders. Ich denke und vermisse Ihn jeden Tag, wünschte ich könnte ihm von meinem Tag erzählen, ihm stolz über meine neuen Lebensschritte berichten. Der Gedanke an die Zukunft und dass er nicht bei mir sein kann, wenn ich heirate; dass er mich nicht zum Altar laufen kann oder mit meinen Kindern irgendeinen Blödsinn machen kann; dass ich niemals mit ihm zusammen ein Bier trinken werde und bis spät in die Nacht über die Welt philosophieren kann.

All das sind Gedanken, die mich täglich begleiten. Aber genauso spüre ich jeden Tag eine tiefe Dankbarkeit für alles, was ich von ihm mitnehmen durfte und durch ihn gelernt habe. Und wenn man diese Dankbarkeit in den Vordergrund stellen kann, dann schafft man es auch einen Weg zu finden, mit der Trauer umzugehen.

Was würdest du jemandem raten, der eine ähnliche Situation durchlebt?

Mein Rat: Sprich dich aus, es gibt keinen Grund diese Trauer und diese Gedanken mit dir selbst zu vereinbaren. Sei froh und dankbar über deine gemeinsame Zeit mit diesem Menschen, denn die wird dir niemals jemand nehmen können. Du verlierst niemanden für immer, denn dieser Mensch wird immer bei dir sein, weil du ihn in dir trägst. Er wird dich ständig begleiten und dir helfen, wenn du daran denkst, was dieser Mensch in dieser Situation gesagt und getan hätte. Für mich gibt es ein Leben nach dem Tod. Und ich weiß, dass mein Wunsch meinen Vater umarmen zu können in Erfüllung gehen wird.

Anita

Anita

Erzähl mir von dem Jahr, in dem deine Mutter verstorben ist.

So richtig weiß ich gar nicht, wo ich anfangen soll – ich weiß nur, dass es wichtig ist, seine Gedanken mal niederzuschreiben, weil sie sonst gefangen sind, da wo sie sind. Außerdem ist es wichtig für mich, die Dinge aufzuschreiben oder darüber zu reden, um sie „sauber“ verarbeiten zu können.

Das Jahr 2018 stand schon zu Beginn unter keinem guten Stern! Angefangen hatte alles mit dem Tod meines Cousins Ende Februar – mit nur 39 Jahren! Auch ein fieser Krebs! Meine Mama war sehr für alle Angehörigen da – obwohl sie scheinbar da auch schon mit den Vorboten Ihrer eigenen Geschichte zu kämpfen hatte – was aber niemand wusste.

Ein paar Wochen später folgte die schreckliche Nachricht, dass meine Freundin Nadine aus Leipzig (hatte zu dem Zeitpunkt zwei kleine Kinder) an plötzlicher Hirnblutung verstorben ist. Das war ebenso schrecklich. Und das hörte einfach nicht auf – zahlreiche weitere solche Nachrichten erreichten uns in regelmäßigen Abständen. Das musste ich als Einleitung mal erzählen, weil das Jahr 2018 einfach das Schlimmste in meinem Leben war.

Wie hat sich die Krankheit deiner Mutter angedeutet?

Also in Kurzform erzählt war ab dem Sommer 2018 irgendetwas eigenartig – ich spürte schon, dass es nichts Gutes werden wird, als meine Mama ständig solche Dinge erzählte wie „Ich weiß gar nicht, was mit mir los ist – ich bin jetzt immer so deprimiert und habe keine Lust mehr aufs Kochen!“ Da schellten bei mir die Alarmglocken! So etwas hat meine Mutti noch nie gesagt.

Sie hatte in der Vergangenheit gesundheitlich schon mit vielen Problemen zu kämpfen. Sogar den Schwarzen Hautkrebs hatte sie besiegt, als ich noch ein Teenie war! Aber nun war mein Gefühl ein ganz furchtbares. Sie erzählte uns dann ab und zu von ihren Problemen und zeigte uns einen „Knubbel“ an ihrem Arm, von dem sie vermutete, dass es eine Sehnenscheidenentzündung ist. Aber als sie dann an ihrem Geburtstag am 13. September 2018 nach einiger Zeit einfach so verschwunden war und wir sie dann mit schlimmen Schmerzen im Bett liegend fanden, war es für mich klar: Das bedeutet nichts Gutes!

Wie habt ihr von ihrer Diagnose erfahren?

Meine bessere Hälfte Robin und ich hatten ab Oktober für ein paar Wochen eine Reise nach Südostasien geplant. Meine Mutti wollte nicht, dass wir sie wegen ihr absagen – denn sie fing ja dann erst an, zum Arzt zu gehen und wurde von einem zum anderen geschickt. Das allein schon war eine lange Prozedur. Also begaben wir uns auf die Rundreise, auf der ich dann aber leider das Schlimmste erfahren musste: Es ist Lungenkrebs! Ab diesem Moment brach für mich meine kleine heile Welt zusammen und ich wollte einfach nur sofort zurück, denn wir waren ja so viele Tausende Kilometer von zu Hause weg … Meine Mama wollte nicht, dass ich die Reise abbreche und auch nicht, dass ich von der finalen Diagnose erfahre, deshalb war sie zuerst richtig sauer auf meinen Bruder, der es mir schließlich sagte!

Wir beendeten die Reise wie geplant, aber ich lebte nur noch in einer Blase und wusste nicht mehr, wo oben und unten ist. Zu Hause angekommen wurde uns dauernd Hoffnung gemacht, dass das Ganze operabel ist usw. – aber nach wochenlangem Hin & Her stürzte dann die nackte Wahrheit über mich herein: Eine Ärztin im Krankenhaus teilte mir unmissverständlich mit, dass meine Mama nicht mehr viel Zeit hat – und sie sich bereits damit abgefunden hat, dass es bald vorbei ist.

Wie hast du dich gefühlt, als du erfahren hast, dass deiner Mama nicht mehr viel Zeit bleibt?

In meinem Kopf drehte sich alles unentwegt – es ist einfach nicht zu beschreiben, welche Gedanken & Emotionen einen da ununterbrochen ereilen. Mit den Wochen lernt man zwar, zu funktionieren – aber alles andere geht irgendwie nicht mehr! Meine Mama war so taff, dass sie meinte: „Sie hat ihr ganzes Leben lang alles für uns getan und auch viel gelitten (sie hat ihre Mama mit Anfang 20 auch an den Lungenkrebs verloren) und nun kann sie nicht mehr und wir müssten jetzt mal stark sein und das irgendwie schaffen.“ Hmmm naja für sie war das irgendwie alles ok so, denn sie wollte nicht mehr – im Alter von 67 den Kampf gegen den Krebs zu verlieren, war für mich undenkbar und deshalb war ich so verzweifelt, dass sie nicht mehr kämpfen wollte. Jetzt – Jahre später – sehe ich das alles ganz anders und verstehe einige Dinge viel besser.

Wie liefen die letzten Wochen bis zu ihrem Tod ab?

Ich merke gerade, dass ich ein Buch über diese gesamte Zeit, die ja nicht länger als ein paar Wochen dauerte, schreiben könnte. Aber ich versuche jetzt mal weiterhin, alles kurz zusammen zu fassen. Als meine Mutti vom Krankenhaus Hoyerswerda (mein Geburtsort und Wohnort meiner Eltern) in die Klinik nach Dresden (mein Wohnort seit 2005) gebracht wurde – angeblich wegen eine Bestrahlung – wusste ich innerlich schon, dass sie nicht mehr dort raus kommen wird. Wollte es aber natürlich nicht wahr haben. So landete sie nach ein paar Tagen auf der Palliativ-Station, wo sie bis zum 20.12. noch einige Angehörige und Freunde empfing, um sich zu verabschieden. Diesen Menschen gab ich den Vorrang und organisierte fleißig alles, so wie ich es immer tat: Erstmal die Anderen.

Am 21.12. wollte ich dann auch endlich gern mal ein paar Stunden mit meiner Mama verbringen und plante, im Krankenhaus zu übernachten. Mein Papa schlief bei uns schon seit ein paar Tagen, damit er Mutti auch jeden Tag besuchen kann. Als mein Mann, mein Vati und ich morgens am Frühstückstisch saßen, klärten wir, was jeder von uns tut. Mein Mann hatte noch einen Termin und mein Papa wollte schon mal ins Krankenhaus fahren. Er meinte, ich könne ja dann hinterher kommen.

Vor seiner Abfahrt erzählte er mir dann noch von seiner Vision – kein Traum, wirklich eine Vision, als er nachts wach lag: Er sah Hirten auf einem Berg mit grüner Wiese und eine sehr lange Schlange von Menschen, die ihm fast alle bekannt vor kamen. Und plötzlich sprach ein Hirte zu ihm: „Mach Dir keine Sorgen, wir nehmen Deine Anita jetzt mit – bei uns ist sie in guten Händen.“ Ich bekam Gänsehaut und mir schossen die Tränen in die Augen – ich heulte wie ein Schlosshund in den Armen meines Vaters. Als er los gefahren war, sah ich einen verpassten Anruf aus dem Krankenhaus und wusste, was das zu bedeuten hatte. Ich rief zurück und eine der Palliativ-Schwestern sagte mir, ich solle sofort kommen – meine Mama wartet schon auf mich.

Keine Ahnung, wie – aber irgendwie kam ich am Vormittag des 21.12. im Krankenhaus an. Wie ferngesteuert war ich unterwegs. Scheinbar begleitete mich mein Schutzengel und verschaffte mir direkt vor dem Krankenhaus-Eingang sogar noch eine Parklücke, wo sonst nie eine frei ist. Ich schaute kurz auf die Uhr – es war genau 11:11 Uhr. Ich ging zu Muttis Zimmer, wo an der Tür so ein dickes Tuch hing, was die Tür ein Spalt aufhielt. Ich stürmte hinein, meine Mama drehte den Kopf in meine Richtung – während ich Jacke und Tasche von mir warf, um mich auf diesen einen Moment vorzubereiten, vor dem bereits ich mein Leben lang riesige Angst hatte.

Mein Papa saß auf der einen Bettseite, ich auf der anderen – sonst war keiner da, mein Bruder war auf der Arbeit und mein Mann bei seinem Termin. Sie kamen alle später dazu. Ich legte meiner Mama den kleinen Schutzengel in die Hand, den ich ihr vor einigen Wochen geschenkt hatte, um sie durch diese schwere schmerzhafte Zeit zu begleiten. Und plötzlich stand noch jemand neben mir – es war Muttis Physiotherapeutin, die mir gut zusprach. Ich schaute Mutti an, wie sie kurz seufzte und sah dann, wie sie ihren letzten Atemzug nahm. Dann fragte ich die Physiotherapeutin, ob es das jetzt war und sie nickte. Ab diesem Zeitpunkt war ich endgültig in einer Blase drin.

Wie hast du dich gefühlt, nachdem sie gestorben ist?

Einerseits spürte ich die Erleichterung der Seele meiner Mama, dass sie endlich diesen Schmerzkörper verlassen darf – aber andererseits wollte ich sie dennoch einfach nicht loslassen und lag ewig in ihrem Arm. Ich weiß gar nichts mehr von den kommenden Stunden – ich habe nicht mitbekommen, wie die anderen alle nach und nach eingetroffen sind, wie mein Bruder und seine Freundin all ihre Sachen zusammen gesucht haben und so weiter.

Ich weiß nur, dass ich am Abend, als wir dann wieder zu Hause waren, auf dem Hof draußen standen und etwas zu Mutti sagten und plötzlich pfiff eine Sturmböe quer über den Hof an uns vorbei.

Wie war die Zeit bis zur Bestattung für dich?

Die Zeit bis zur Bestattung war geprägt von Nervenzusammenbrüchen und die Frage nach dem WARUM schwebte in jedem Moment mit. Ich konnte das alles nicht begreifen! Ich wollte meine Mutti doch noch so viel fragen und ihr noch von meinen Träumen erzählen und überhaupt … Hätte ich meinen Mann nicht gehabt – keine Ahnung, wo ich da jetzt wäre bzw. wie ich da jetzt wäre. Er hat mich zu jeder Zeit sowas von selbstlos unterstützt, mir und meinem Papa so vieles abgenommen! Selbst beim Bestatter hat mein lieber Seelenmensch meinen Paps und mich so toll unterstützt! Er ist das Beste, was mir je passiert ist.

Gab es etwas in dieser Zeit, das dir besonders in Erinnerung geblieben ist?

Ja klar mir ist vieles in Erinnerung geblieben, vor allem das Weihnachtskonzert der „medlz“ – die beste weibliche A capella Band, die es auf Erden gibt! Meine Mama hat sie ebenso vergöttert. Da das Konzert am 22.12.2018 war, konnte meine Mama ja leider nicht mehr dabei sein. Sie hatte aber schon lange vorher auch eine Karte, weil wir dachten, dass es noch klappt. Da wir uns privat schon etwas kannten, schickte ich der Band noch vor dem Tod meiner Mama eine Sprachnachricht und bat sie, mir für meine Mama ein Weihnachtsgeschenk zu erfüllen. Prompt taten Sie es, obwohl sie gerade auf Tour waren: Sie schickten meiner Mama ein tolles Ständchen (ein herzerwärmendes Gospel-Lied) und gaben ihr danach noch ganz liebe persönliche Worte mit auf den Weg. Als ich meiner Mama zwei Tage vor ihrem Tod das Video zeigte, liefen ihr viele Tränchen die Wange hinunter.

Nachdem wir am 22.12. beim Bestatter in Hoyerswerda alles geklärt hatten, fuhren wir direkt zum Weihnachtskonzert der „medlz„ nach Dresden und schafften es gerade so zum Beginn des Konzertes. Bine – die Frontfrau der Band – hat für uns als Familie und Freunde eine ganze Kirchenbank reserviert und mir zudem noch ein tolles Buch zum Thema (ihr eigenes) mit persönlicher Widmung hingelegt. Wir alle spürten Muttis Seele in der Kirche herum fliegen und wussten, alles ist richtig so, wie es gerade ist.

Der Tag der Bestattung – wie hast du ihn erlebt?

Der Tag der Bestattung war der erste Tag nach einer langen düsteren Schlechtwetter-Zeit, an dem endlich die Sonne wieder schien. Wow – magic! Denn ab dem Todestag meiner Mama zur Wintersonnenwende 2018 bis zum Tag der Bestattung am 18. Januar war kein einziger Sonnenstrahl zu sehen gewesen. Ich ging am Morgen vor der Bestattung noch für mich allein eine Runde spazieren und war dann bereit für den „offiziellen“ Abschied.

Die Bestattung war auf jeden Fall ein wichtiger Schritt für meinen Abschied bzw. für unser aller Abschied. Da sah ich erstmals, wie geschätzt meine Mutti war – es kamen weit über 100 Menschen! Ich traute meinen Augen nicht! Viele mussten sogar draußen stehen, weil im Raum kein Platz mehr war! Das war alles sehr wertvoll für mich – ich habe noch niemals zuvor in meinem Leben so vielen Menschen hintereinander die Hand geschüttelt.

Wie waren die ersten Wochen und Monate nach der Bestattung?

Als ich mich wieder etwas aufgerappelt habe, versuchte ich irgendwie nach vorn zu blicken, was mir an manchen Tagen besser gelungen ist und an anderen wiederum schlechter. Vom Gefühl her weiß ich ja, dass Mutti „nur“ in einen anderen Raum gegangen ist und es fühlte sich immer noch so an, als würde sie bald wieder durch unsere Tür kommen.

Was hast du unternommen, um besser mit deiner Trauer zurecht zu kommen?

Ich habe mich dazu entschieden, selbst etwas in die Hand zu nehmen und für mich selbst zu tun. Meinen Kurantrag habe ich direkt nach der Beerdigung gestellt und ein paar Monate später auch bewilligt bekommen. Weiterhin habe ich beschlossen, mir psychologische Hilfe zu holen, aber da ist es genauso: Man kommt erstmal auf eine Warteliste, weil keiner Kapazitäten frei hat! Ich habe dann ein wenig mit Menschen von Fach aus meiner unmittelbaren Umgebung gesprochen – Bekannte sozusagen. Das half mir etwas.

Außerdem wollte ich doch schon immer mal sowas wie eine Fastenkur machen. Dahingehend brachte mich meine liebe Physiotherapeutin auf eine Idee, die ich dann auch – zusammen mit meinem Mann Robin – in die Tat umsetzte: Eine geführte Fastenkur auf Hiddensee mit verschiedenen Kursangeboten. Das hat mir ungemein geholfen, in einer Gemeinschaft zu sein, die mir zuhörte. Menschen in meinem näheren Umfeld zu Hause – ja sogar die Familie – schaffte das nicht! Viele Freunde wendeten sich in meiner schlimmsten Lebens-Phase sogar von mir ab! In dieser folgenden Zeit habe ich so viel über mich, mein Leben und meine Umgebung gelernt.

Darüber hinaus habe ich damit angefangen, Meditation zu üben und mich somit zu entspannen und in mein Herz zu gehen. Ich habe mich somit gegen eine psychologische Behandlung entschieden, sondern suchte mir alternative Möglichkeiten, die mehr meiner Natur und meinem Glauben entsprechen. Auf diesem Weg traf ich dann tolle Menschen, mit denen ich mich austauschen konnte und meine Gefühle und Emotionen teilen konnte. Ich habe angefangen, meine Blockaden durch Bioenergetische Anwendungen zu lösen und kam anhand einer umfassenden Lebensberatung wertvolle Impulse für mein Leben. Seitdem hat sich noch einmal mehr ganz ganz viel verändert und ich lebe endlich MEIN Leben und nicht mehr nur das der anderen. Auch die Themen Sterben & Tod sehe ich heute aus einem ganz anderen Blickwinkel und mich kann nie wieder im Leben etwas so sehr schockieren oder schwächen. Ich habe Erkenntnisse gewonnen, die mich intuitiv schon immer begleitet haben.

Wie schaust du heute auf alles zurück?

Die Trauer an sich ist verschwunden, wobei es an gewissen Tagen immer noch so etwas wie Schmerz gibt. Aber ich versuche an diesen Tagen dann immer etwas Schönes zu machen, weil keine Seele will, dass man ihr ewig hinterher trauert! Liebevolle Erinnerungen sind für immer in meinem Herzen. Jeden Tag zünde ich symbolisch eine Kerze für meine Mama an und ich erzähle ihr von den Dingen, die in meinem Leben passieren. Ich bin kein Mensch, der dazu auf den Friedhof gehen muss – ich mache das immer & überall … Ich trage sie im Herzen, bis ich selbst den Raum wechsle. Mein Frieden habe ich darin gefunden, zu glauben, dass die Seele unsterblich ist und wir alle unseren Seelenplan verfolgen sowie unseren Seelenweg gehen sollten – denn wenn wir das tun, handeln wir aus unserem Herzen und wir wissen, dass der „Tod“ nicht das Ende ist.

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