Trauernde Erzählen

Hans-Peter, 2012

Hans-Peter ist im Jahr 2012 plötzlich verstorben. Hier erzählt seine Tochter über ihre Erfahrungen im Umgang mit dem Tod und der Trauer.

Wie war der Tag, als du von dem Tod erfahren hast?

Mein Vater ist an einem frühlingshaften Sonntag im März 2012 gestorben. Es war der Tag vor meinem Abitur. Ich war an dem Morgen mit meiner Mutter im Gottesdienst, meine jüngere Schwester ist zuhause geblieben und mein Vater war mit ein paar Freunden hobbymäßig Fußball spielen. Mein Vater war sportlich, Nichtraucher, hat nie getrunken, war gerade mal 52 Jahre alt und hat doch plötzlich beim Fußballspielen einen Herzinfarkt erlitten.

Ein Mitspieler hat ihn noch beatmet bis die Notärztin kam. Über eine Nachbarin, dessen Mann in derselben Mannschaft gespielt hat, hat meine Schwester als Erste von dem Unglück erfahren. Sie ist direkt zum Sportplatz gefahren, wo sie leider gesehen hat, wie mein Vater mit dem Defibrillator behandelt wurde. Nach dem Gottesdienst konnten meine Mutter und ich auch endlich erreicht werden (wer uns angerufen hat, weiß ich nicht mehr) und sind sofort zum Unfallort gefahren.

Mein Vater war bereits im Krankenwagen eingeladen und die Notärztin sagte uns zur Beruhigung noch, dass er eine 70 prozentige Überlebenschance hat. Meine Mutter ist mit ins Krankenhaus gefahren, meine Schwester zu einer Freundin und zu mir kam mein damaliger Freund. Es vergingen ein paar Stunden bis eine Nachbarin (nicht die oben erwähnte, sondern eine andere, die zum Glück auch Sozialarbeiterin ist) zu uns herüberkam, um uns mitzuteilen, dass mein Vater im Krankenhaus gestorben ist, dass die Ärzt:innen nichts mehr für ihn tun konnten.

Meine Mutter hatte es nicht über sich gebracht, uns angerufen und daher die Nachbarin informiert. Diese hat uns daraufhin auch ins Krankenhaus gefahren, wo bereits meine Mutter, gute Freunde meiner Eltern und der Krankenhausseelsorger auf uns gewartet haben. Nach einem Gespräch mit dem Pfarrer durften wir nochmal zu meinem Vater. Eine Krankenpflegerin hat mich und meinen damaligen Freund zu der Leiche begleitet. Ich weiß noch, dass ich die Krankenpflegerin ganz entsetzt gefragt habe, ob sie es nicht schrecklich findet, in ihrem Beruf so viele Familiendrama und Tode mitzubekommen. Sie musste damals auch fast weinen.

Das Gesicht meines Vaters war bereits leicht aufgedunsen und etwas gelblich, aber ansonsten war es nicht so schlimm ihn tot zu sehen. Ein paar Tage später im Beerdigungsinstitut wollte ich ihn aber nicht mehr sehen, da ich Angst hatte, dass er bereits zu entstellt war. Der restliche Tag war total verrückt. Obwohl der Tod meines Vaters das schlimmste Erlebnis in meinem Leben war, war der Tag nach seinem Tod auf komische Weise auch schön: auf einmal saßen alle Nachbar:innen bei uns im Esszimmer, die es sonst nie schaffen sich alle gemeinsam zu treffen, haben Kerzen für uns angezündet und für uns Essen gemacht.

Tagelang standen plötzlich Suppentöpfe und Süßigkeiten vor der Tür. Eine Nachbarin hat mich zu meiner besten Freundin ein paar Straßen weiter gebracht, damit ich ihr auch die schrecklichen Neuigkeiten überbringen konnte. Später am Tag musste ich meinen Schuldirektor anrufen, um ihm vom Todesfall zu berichten und um ihm zu sagen, dass ich vermutlich das Abitur nicht mitschreiben kann. Er kannte meinen Vater auch persönlich und war daher sehr betroffen.

Glücklicherweise hat er mit geraten, dass Abitur regulär mitzuschreiben, auch wenn es hart werden könnte. Er meinte, dass ich jetzt noch unter Schock stehe und daher das Abitur vermutlich besser verkraften würde als in ein paar Wochen, wenn ich alles realisiert habe. Damit hatte er zum Glück Recht – ich habe mein Abitur in völliger Trance geschrieben, aber es wurde trotzdem ziemlich gut und ich war froh, alle vier Prüfungen vor der Bestattung fertig zu haben.

Wie war die Zeit bis zur Bestattung für dich?

Genau in der Woche zwischen Papas Tod und seiner Bestattung habe ich meine Abiturprüfungen geschrieben. Als ich Montagmorgen zur ersten Prüfung kam, haben mich der stellvertretende Direktor und meine Deutschlehrerin vor allen Leuten umarmt. Als ich auf Toilette war, hat dieselbe Lehrerin meiner Klasse gesagt, dass mein Vater am Tag davor gestorben ist. Da aber bereits Redeverbot war, als ich wieder hereinkam, konnte ich nur sehen, wie mich alle angeschaut haben.

Meinen Freundinnen aus den anderen Klassen hatte ich noch nichts gesagt, da ich nicht wollte, dass sie ebenfalls beim Abitur abgelenkt sind. Eine Lehrerin hatte uns zur Motivation während der Klausur Schokolade auf den Tisch gelegt. Ich habe als Einzige ein Stück mehr bekommen. Generell waren es oft kleine Dinge oder Gesten, an denen ich gemerkt habe, dass die Menschen an einen denken und mittrauern.

Nach den Prüfungen hat mich mein damaliger Freund (er war auf der Nachbarschule) abgeholt. Wir kamen an vielen feiernden Abiturient:innen vorbei, die er aus Solidarität mit mir aber auch hat links liegen lassen. Uns war einfach nicht zum Feiern zu Mute. In derselben Woche kam mein Onkel aus Stuttgart angereist und hat eine Woche lang für uns gekocht und die Beerdigung mit meiner Mutter, seiner Schwester, geplant. Der Vater meines Vaters hat außerdem den Sarg und die Blumen mitausgesucht. Für ihn war der Tod meines Vaters mit am schlimmsten. Er sagte immerzu: „es hätte doch mich treffen sollen“.

Nach meinen Prüfungen habe ich nachmittags mit meiner Mutter die Trauerkarten frankiert und mit Adressen beschriftet. Sie hatte einen sehr schönen Text geschrieben und die ganze Karte mit dem Beerdigungsinstitut entworfen. Da mein Vater Albert Schweitzer mochte, stand auf der Karte: „Das einzig wichtige im Leben sind die Spuren der Liebe, die wir hinterlassen, wenn wir gehen“. Generell waren wir alle sehr froh über das Beerdigungsinstitut. Es hat bei der kompletten Organisation geholfen, die Beerdigung koordiniert, das Kondolenzbuch besorgt, Fotos von meinem Vater gesammelt und ihn sehr schön aufgebahrt, sodass auch noch Freund:innen ihn sehen konnten.

Das Beerdigungsinstitut hat mir und meiner Schwester ein kleines Holzherz geschenkt, das mich immer an Papas Sarg erinnert. Meine Mutter hatte einen sehr schnittigen Holzsarg gewählt, um seiner Sportliebe zu gedenken. Zur Vorbereitung der Beerdigung haben meine Schwester und ich uns öfters mit unserer Pfarrerin getroffen. Wir durften die Lieder wählen und ein Gedicht, das wir bei der Beerdigung gemeinsam vorgetragen haben. Einige Monate später, als die Erde über dem Sarg genug abgesackt war und der Grabstein gesetzt werden konnte, durften wir auch diesen mitgestalten. Meine Mutter und Schwester haben ihn mit dem Steinmetz behauen und ich habe die Schrift ausgewählt.

Der Tag der Bestattung - wie hast du ihn erlebt?

Mein Vater wurde in der katholischen Kirche bei uns in der Straße von einer evangelischen Pfarrerin beerdigt. Es war uns wichtig, dass er auf dem kleinen Friedhof mit Bergblick bei uns um die Ecke liegen kann. Sein Grab hat meine Mutter so gewählt, dass man genau auf das Kirchenportal schauen kann.

Zur Beerdigung kamen sehr viele Menschen, da mein Vater erstens noch jung war und zweitens beim Radio gearbeitet hat, wodurch er viele Menschen kannte. Sogar der Oberbürgermeister hat einen Blumenkranz geschickt. Wir saßen als Familie in der ersten Reihe, sodass ich erst nach der Trauerfeier gesehen habe, dass vor dem Kirchenportal auf dem Friedhof noch viel mehr Menschen standen.

Ein Kollege meines Vaters hat eine sehr schöne Rede über meinen Vater gehalten.  Ich habe für mein Leben aber daraus mitgenommen, dass man Menschen viel häufiger schöne Dinge sagen sollte während sie leben und nicht erst wenn sie tot sind. Meine Patentante hat mir fast während des gesamten Gottesdiensts ihre warme Hand zwischen meine Schulterblätter gelegt, was sehr beruhigend war.

Das Kondolieren vor dem Grab hat über eine Stunde gedauert. Es war schön, dass so viele Leute da waren, aber ich weiß nicht mehr, was sie uns alle gesagt haben. Da ich nicht ganz in schwarz kommen wollte, hatte ich einen roten Samtmantel an, den mir mein Vater in Frankreich in einem Secondhand-Laden gekauft hatte. In der Zeit danach hatte ich auch oft die alte Lederjacke von ihm an, um ihn bei mir zu haben.

Nach der Beerdigung sind wir in einer kleineren Runde essen gegangen. Die Tage davor hatte ich mit meiner Mutter die Location und das Essen ausgesucht. Eine meiner Freudinnen hat mir eine Kette aus Gänseblümchen von der Wiese vor dem Lokal gebastelt, die ich noch lange in meinem Zimmer hängen hatte. Bei vielen Verwandten und Freunden habe ich mich einfach gefreut sie mal wieder zu sehen, auch wenn der Anlass dafür denkbar schlecht war.

Bei der Beerdigungsfeier (Leichenschmaus klingt immer so makaber) hat meine Mutter die Eltern meines damaligen Freundes kennengelernt. Zwischen meiner und seiner Mutter ist durch Gespräche über Trauer, Tod und Glaube sehr rasch eine sehr intensive Freundschaft geworden, die bis heute anhält. Etwas kitschige Sätze wie „Wo sich eine Tür schließt, öffnet sich eine andere“ können also wirklich wahr werden. Generell glaube ich, dass man sich nach so einem Schicksalsschlag darauf einstellen muss, dass vorhandene Freund:innen nicht mit der Situation umgehen können, aber dadurch plötzlich ganz andere Menschen und Dinge ins Leben treten, die es sehr bereichern können.

Ich erinnere mich insgesamt sehr positiv an die Beerdigung und gehe auch immer noch gerne zu Papas Grab (in dem mittlerweile auch sein Vater liegt), auch wenn ich von einigen Trauernden weiß, dass diese Rituale für sie keineswegs hilfreich sind.

Wie waren die ersten Wochen und Monate nach der Bestattung?

Die Zeit nach dem Tod meines Vaters war sehr seltsam für mich. Sein Tod ist quasi mit dem Ende meiner Schulzeit zusammengefallen. Die Frage „und was machst du nach dem Abitur?“ hat natürlich auch vor mir keinen Halt gemacht. Vor Papas Tod hatte ich den Plan direkt studieren zu gehen, habe mich dann aber entschieden noch ein Jahr bei meiner Mutter und meiner Schwester zu bleiben. Ich habe viel Zeit damit verbracht, noch spontan einen FSJ-Platz (freiwilliges soziales Jahr) zu bekommen.

Direkt nach dem Abitur (Ende März) habe ich bis zum Sommer ansonsten alles so gemacht, wie es bereits geplant war: zu Freunden nach Frankreich fahren, mit Freunden in den Urlaub fahren, das Zeltlager leiten, den Abiball hinter mich bringen. Bei all den Aktivitäten habe ich gemerkt, dass es vielen Leuten schwergefallen ist, mich auf Papas Tod anzusprechen. Ich selbst wollte auch nicht immer damit anfangen, um den Leuten die gute Laune nicht zu verderben. Ich habe von vielen gehört, dass „sie mich mal ablenken wollen“. Aber das funktioniert nicht.

Natürlich gab es auch lustige Tage für mich und ich habe noch andere Dinge außer trauern getan, aber ich habe trotzdem pausenlos an meinen Vater gedacht. Mir wäre es lieber gewesen, wenn mich Leute zu schönen Aktivitäten mitgenommen hätten und mich trotzdem auf Papas Tod angesprochen hätten. Das Sprechen darüber hätte manche Momente für mich eher leichter gemacht, als das Schweigen auszuhalten. Auch Sätze wie „du kannst dich jederzeit melden, ich bin immer da für dich“ sind nett gemeint, haben mir aber nicht sehr geholfen. Wenn es einem so grundlegend schlecht geht, wie nach einem Tod muss man schon sehr kommunikativ bewandert sein, um so gezielt Bedürfnisse an andere richten zu können. Mit 17 Jahren konnte ich das auf jeden Fall nicht und ich denke, dass es einem auch in höherem Alter in solchen Situationen schwerfällt, sich so bewusst an andere zu wenden.

Oft ist es ja auch mehr eine Traurigkeit, die über allem schwebt, als eine konkrete Sache, mit der man sich an jemanden wenden kann. Mir hat es immer mehr geholfen, wenn Menschen von sich aus auf mich zugekommen sind und einfach mitangepackt haben oder mich zum Reden aufgefordert haben. Ich fand es z.B. auch hilfreich von anderen Menschen zu hören, dass sie ebenfalls jung einen Elternteil verloren haben. Sie kamen mir auf einmal viel menschlicher vor und waren keine unnahbaren Erwachsenen mehr, sondern irgendwie Gleichgesinnte. Außerdem habe ich gesehen, dass sie trotzdem ein schönes Leben hatten und sie die frühe Erfahrung des Todes stark und lebensnah gemacht hatte.

Meine Schwester hingegen fand es gar nicht hilfreich, solche Geschichten zu hören, da sie oft das Gefühl hatte, dass dann nicht auf das eigene Schicksal eingegangen wird. Generell sind alle in unserer Familie anders mit Papas Tod umgegangen und haben anders getrauert. Ich denke, es gibt daher kein allgemeingültiges Rezept, wie man so einen Schmerz verarbeitet und auch für Umstehende gibt es keine Anleitung, was man am besten zu Trauernden sagt. Was sich aber, glaube ich, die Allermeisten nach einem Verlust wünschen, ist darauf angesprochen zu werden und ernstgenommen zu werden, dass es auch Jahre später noch weh tun kann.

Nach der Bestattung war ich einige Male bei der Trauerbegleiterin des Beerdigungsinstituts, die mir etwas sehr Schönes gesagt hat: Sie meinte, dass ich mir Trauer wie eine innere Verletzung vorstellen soll. Da diese Verletzung nicht so sichtbar ist, wie ein gebrochener Fuß in einem Gips, ist es schwerer für andere sie zu sehen. Sie ist aber trotzdem da und man muss diese Verletzung gesund pflegen, genauso wie man es mit einem gebrochenen Fuß tun würde. Tatsächlich habe ich durch Papas Tod gemerkt, dass sich eine seelische Verletzung wie ein körperlicher Schmerz anfühlen kann. Besonders in den ersten Tagen hatte ich ein starkes Ziehen am Herz.

Viele Menschen sagen, dass nach einem Trauerfall bestimmte Tage wie Weihnachten oder Ostern am schlimmsten sind. Bei mir war dieser Tag der Abiball. Von allen anderen Abiturient:innen waren beide Eltern da, selbst die Geschiedenen saßen geeint an einem Tisch. Nur bei mir wurde der Vater durch den Onkel ersetzt. Soweit ich mich erinnere war dieser Tag der einzige an dem ich mich in der Öffentlichkeit nicht zusammenreißen konnte und ich auf dem Weg zur Toilette anfing zu weinen. Die Eltern von zwei Freundinnen haben mich getroffen und dann erstmal ziemlich lange getröstet.

Generell habe ich selten vor anderen geweint, aber fast jeden Abend zu Hause im Bett oder bei meinem damaligen Freund. Wenn ich aber irgendwie in die Situation kam, nochmal Papas Tod zu schildern hat sich meine Stimme immer ganz komisch verändert und ich wurde total nervös und habe gezittert.

Mit die heilsamste Erfahrung in dieser Zeit war mein Freiwilligendienst, den ich schließlich in einer Wohngemeinschaft für Demenzkranke absolviert habe. Das Motto „Lebe den Tag“ wurde dort sehr stark gelebt, da es darum ging, den älteren Menschen in jedem Moment eine Freude zu bereiten, da sie es im Moment danach vielleicht schon wieder vergessen haben. Der Tod war hier auf einmal auch neben dem Leben möglich. Alle haben in dem Wissen gelebt, dass bald einer der Bewohner:innen sterben kann, aber das hat die Freude über jeden Tag nicht geschmälert.

Mir hat es sehr gutgetan, zu wissen, dass man über den Tod sprechen kann und den Tod erleben kann, ohne sein Leben aufzugeben. Nach Papas Tod hatte ich viele existentielle Fragen von „Wozu lebt man überhaupt“ bis „Was ist meine eigene Bestimmung auf dieser Welt“, die erst durch meinen Freiwilligendienst weniger wurde.

Der einzige andere Ort, an dem der Tod völlig selbstverständlich genannt wird, ist für mich die Kirche. Nach Papas Tod bin ich öfters mit meiner Mutter zu Gottesdiensten gegangen und auch während meines Studiums habe ich versucht, regelmäßig zu Taizé-Gebeten o.ä. zu gehen. Ich bin froh, dass Papas Tod auch bei uns in der Familie kein Tabuthema war, sondern meine Mutter uns oft gefragt hat, wie es uns geht. Ich konnte darauf zwar nicht immer sinnvoll antworten, aber so wusste ich doch, dass ich jederzeit zu ihr kommen konnte und sie Papa nicht vergessen möchte.

Komischerweise bin ich ein Jahr nach Papas Tod nochmal in ein viel größeres Loch gefallen als direkt danach. Direkt nach seinem Tod stand noch so viel an, dass mich aufgefangen hat. In der Zeit zwischen meinem Freiwilligendienst und dem Studium war hingegen wenig geplant und mir ist auf einmal schwer gefallen mich zu motivieren. Ich habe zwei Reisen abgesagt, da ich mich völlig energielos gefühlt habe. Mein einziger Lichtblick war der baldige Beginn des Studiums. Bis dahin habe ich die Trauer als sehr wellenförmig wahrgenommen. Manchmal war sie stark und betäubend und manchmal kam mir alles weit weg vor und als wäre all das gar nicht meine Lebensgeschichte.

Rückschläge kamen vor allem, wenn andere unschöne Ereignisse in meinem Leben passiert sind (z.B. Trennung, Unsicherheiten im Studium etc.). Als ich anderthalb Jahre nach Papas Tod für mein Studium in eine andere Stadt gezogen bin, hatte ich einerseits das Bedürfnis „ganz neu zu beginnen“ und gleichzeitig war es mir sehr wichtig neuen Bekanntschaften schnell zu erzählen, dass ich meinen Vater verloren hatte. Ich hatte das Gefühl, dass dieser Teil meines Lebens so stark zu meiner Identität geworden war, dass mich niemand, ohne von Papas Tod zu wissen, wirklich kennen konnte.

Wie schaust du heute auf alles zurück?

Für mich gibt es eine Zeit vor und eine Zeit nach Papas Tod. Sein Tod ist in unserer Familie eine Art Zeitrechnung geworden, wenn wir über vergangene Ereignisse sprechen. In der Zeit vor Papas Tod waren wir eine ganz normale Familie. In der Zeit danach mussten wir uns mit Dingen wie Halbwaisenrente und Erbschaft beschäftigen und meine Mutter war auf einmal alleinerziehend.

Nach Papas Tod sind gewohnte Traditionen an Weihnachten anders geworden und meine Schwester wurde magersüchtig. Sein Tod hat uns als Frauen-Gespann getrennt und neu zusammengebracht und uns alle stärker und erschöpfter gleichzeitig werden lassen. Papas Tod ist mittlerweile fast neun Jahre her und er kommt immer noch fast jeden Tag in irgendeinem Gedanken von mir vor. Wenn ich zuhause bei meiner Mutter in meinem Elternhaus bin, kommen die Erinnerungen noch stärker zurück.

Wir haben nach Papas Tod sehr schnell seine Kleidung verschenkt und auch seine anderen Sachen verräumt oder aussortiert. Wenn ich heute im Keller bin, finde ich trotzdem immer wieder Dinge von ihm, die mich an verschiedene Erlebnisse mit ihm erinnern. Ich war immer sehr gerne mit meinem Vater an der frischen Luft und muss besonders bei Reisen an Urlaube und Ausflüge mit ihm denken. Ich habe ihn also quasi immer im Gepäck, egal wo ich bin.

Ich merke, dass ich mich bis heute in bestimmten Situationen frage, was mein Vater dazu gesagt hätte, ob er sich mit meinem heutigen Freund verstehen würde und ob er stolz wäre, wo ich heute stehe. Ich war immer eher ein Papa-Kind und bin froh, dass ich mich mit ihm immer sehr gut verstanden habe und nach seinem Tod keine ungeklärten Konflikte allein mit mir ausmachen musste. Ich versuche, besonders durch Gespräche mit meiner Mutter und meiner Schwester, mir Situationen und Charakterzüge von ihm lebendig zu halten. Da er Radiojournalist war, haben wir den großen Vorteil, neben Fotos auch Tonaufnahmen als Erinnerung zu haben.

Papas Tod hat mir geholfen viele andere Situationen zu relativieren. Ich war zum Bespiel nur sehr selten vor Prüfungen aufgeregt, da ich mir immer gesagt habe, dass es „nur“ Prüfungen sind und viel schlimmere Dinge im Leben passieren können. Eine zeitlang fand ich es schrecklich, wenn Notarztwagen an mir vorbeigefahren sind, aber das ging mit der Zeit weg. Sätze wie „die Zeit heilt alle Wunden“ würde ich hingegen nicht per se unterschreiben. Mit der Zeit verliert sich zwar der Schmerz, die Erinnerung verblasst, der Tod der geliebten Person ist plötzlich Teil der Lebensgeschichte. Gleichzeitig glaube ich, dass dieses Annehmen nur passiert, wenn man sich aktiv mit dem Verlust auseinandersetzt. Sich nur in seiner Trauer gehen lassen und darauf zu warten, dass es die Zeit schon richten wird, kann später zu ganz schönen Rückschlägen führen.

Mir hat es geholfen, mehrmals zu der Trauerbegleiterin des Beerdigungsinstituts zu gehen. Auch die Kirche, meine Familie und mein Freiwilligendienst haben zu einer Verarbeitung des Schmerzes beigetragen. Mir tat es außerdem sehr gut in die Natur und in die Berge zu gehen. Sonnenaufgänge und beeindruckende Aussichten, haben mir gezeigt, dass die Welt trotz allem Schmerz immer noch voller Schönheit ist.

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