⚠️ TRIGGERWARNUNG ⚠️ In dieser Geschichte kommt das Thema Krebs vor. Wenn du dich nicht mit diesem Thema auseinandersetzen möchtest oder du das Gefühl hast, dieses Thema tut dir nicht gut, lies diese Geschichte bitte nicht.
Wie war der Moment, als deine Mutter gestorben ist?
Meine Schwester, mein Vater und ich waren bei ihr im Krankenhaus als sie gestorben ist. Der Oberarzt hat uns erst an dem Tag gesagt, dass der Tumor stetig weiter fortgeschritten ist und sie in den nächsten Stunden sterben wird. Es traf uns alle völlig unerwartet, weil bisher keiner der Ärzte uns darauf vorbereitet hat, dass sie bereits im Sterben liegt. Sie haben eher davon gesprochen, dass sie mit der Immuntherapie beginnen wollen, sobald ihre Werte dafür wieder stabil genug sind.
Ich war total am Boden zerstört und war nur noch am Weinen und konnte ihre Hand einfach nicht loslassen. Meine Schwester hat mir dabei geholfen ihre Hand endlich loszulassen, sonst wäre ich vermutlich noch ewig bei ihr gestanden und hätte ihre Hand gehalten. Ab dem Zeitpunkt als sie ihren letzten Atemzug gemacht hat, brach mein Herz auch in 1000 Stücke und ich habe mich plötzlich so furchtbar leer gefühlt ohne sie. Sie hatte auch Tränen in den Augen gehabt und da wusste ich, dass sie uns nicht verlassen wollte und gekämpft hat um noch etwas mehr Zeit mit uns haben zu können. Danach wollte ich einfach nur noch alleine sein und bin dann auch vom Krankenhaus nach Hause gelaufen. Ich stand nämlich total neben mir und habe erstmal Zeit gebraucht um das zu realisieren was gerade in den letzten Stunden passiert ist.
Wie hast du die Zeit bis zur Bestattung erlebt?
Meine Schwester, mein Vater und mein Onkel haben sich zum Glück um die ganzen Angelegenheiten für die Beerdigung gekümmert. Ich war dazu nicht in der Lage und stand auch komplett neben mir. Ich war jeden Tag auf dem Friedhof und habe zumindest den Platz für sie ausgewählt. Es gab zum Glück noch einen freien Platz direkt neben ihren Eltern. Sie stand ihren Eltern sehr nahe und hat auch ihre Mama in den letzten Jahren gepflegt.
Als die Pfarrerin bei uns war haben meine Schwester, mein Papa und mein Onkel ihre Lebensgeschichte erzählt. Ich habe ihr unter Tränen erzählt, dass meine Mama mir das Leben gerettet hat. 2021 erlitt ich einen schweren Schlaganfall. Sie hat mich zum Glück gehört und ist in mein Zimmer gegangen um nach mir zu sehen. Sie hat sofort erkannt, dass ich einen Schlaganfall erlitten habe und gleich den Notarzt gerufen. Ohne sie wäre ich vermutlich heute auch nicht mehr am Leben oder hätte schwere körperliche Schäden gehabt. Mir fiel das wahnsinnig schwer darüber zu reden, aber ich wollte unbedingt davon erzählen, weil sie mir zum zweiten Mal das Leben geschenkt hat. Die Pfarrerin hat es auch total schön formuliert und hat gemeint da hat ihr Mutterinstinkt reagiert und gemerkt es stimmt gerade etwas ganz und gar nicht und ist daher in mein Zimmer gegangen um zu schauen, ob alles ok ist.
Ein besonderes Erlebnis gab es doch nachdem sie ein oder zwei Tage von uns gegangen ist. Mein Papa, meine Schwester und ich saßen da abends im Wohnzimmer zusammen und für einen Moment hatte ich ganz kurz das Gefühl sie war bei uns. Ich kann es auch nicht wirklich beschreiben. Es hat sich nur so angefühlt als wäre sie in dem Moment bei uns.
Wie hast du den Tag der Bestattung in Erinnerung?
Für mich war es ein furchtbar schwerer Tag und am liebsten hätte ich nur die engsten Familienmitglieder dabei gehabt, aber ich denke meine Mama hätte sich gefreut, dass so viele Anteil genommen haben und sich nochmal von ihr verabschieden wollten. Ich bin wieder alleine zum Friedhof gelaufen, weil mir nicht zum Reden zumute war und ich am liebsten gar nicht wollte, dass dieser Tag kommt. Das hat das alles so endgültig gemacht und es nochmal realer gemacht, dass sie wirklich nicht mehr lebt.
Die Pfarrerin hat eine sehr schöne und berührende Trauerrede gehalten. Am meisten hat es mir geholfen, dass meine Cousine die ganze Zeit an meiner Seite war und auch meine Nichte bei mir war und versucht hat mich zu trösten. Das hat mir in dem Moment ganz viel Halt gegeben. Es war dennoch eines der schwersten Momente für mich.
Wie hat sich die Trauer in den ersten Wochen und Monaten angefühlt?
Die erste Zeit kamen immer wieder Bilder besonders der letzten Stunden mit ihr hoch und ich habe es immer wieder von Neuem durchlebt. Auch die letzten Wochen mit ihr ging ich immer wieder von vorne durch, weil ich es verstehen wollte warum das alles so passiert ist und ob wir nicht hätten noch mehr für sie tun können.
Ob wir mehr Druck bei den Ärzten hätten machen sollen und warum wir sie nicht retten konnten. Bis heute begreife ich nicht warum sie so plötzlich sterben musste. Sie hatte einen aggressiven Brustkrebs, aber mir haben alle gesagt ich soll mir keine Sorgen machen, weil Brustkrebs in der Regel heilbar ist und die Medizin in dem Bereich sehr fortgeschritten ist. Leider kam es bei meiner Mama anders und mich hat es dafür umso mehr getroffen, dass ausgerechnet sie es nicht überlebt hat.
Ich habe auch fast täglich von ihr geträumt und in meinen Träumen bin ich immer auf sie zugerannt und habe angefangen zu weinen, weil ich sie so sehr vermisse. Das was mir sehr geholfen hat war Ablenkung und viel draußen in der Natur zu sein. Was schönes zu unternehmen mit meiner Cousine oder mit lieben Freunden hat mich etwas ablenken können und ich kam für einen Moment mal auf andere Gedanken.
Wie waren die Reaktionen aus deinem Umfeld?
Leider haben manche recht schnell gemeint wie kann ich denn immer noch trauern. Es ist doch jetzt schon ein paar Wochen her und andere geht es schlimmer, weil sie ihr Kind früh verloren haben. Andere konnten es nicht verstehen, weil sie selber noch kein nahestehendes Familienmitglied so plötzlich verloren haben.
Es kamen dann immer öfter die typischen Sprüche, die man einem Trauernden nach einer gewissen Zeit sagt wie Deine Mama hätte es nicht gewollt, dass Du so traurig bist oder Du musst weitermachen, als ob es so einfach wäre weiterzumachen, wenn eines der wichtigsten Menschen im Leben plötzlich nicht mehr da ist.
Ich habe mich auch von einigen Leuten distanziert oder den Kontakt zu Menschen abgebrochen, die mir nicht gut getan haben und mich nicht verstehen was ich gerade durchmache.
Welche Zeiten waren besonders schwer?
Die Weihnachtszeit und das erste Weihnachtsfest ohne war auch ganz besonders schwer, weil wir immer Weihnachten zusammen waren und zusammen Plätzchen gebacken haben. Sie hat immer unsere Wohnung weihnachtlich dekoriert und in den letzten Jahren das Weihnachtsessen zubereitet. All das ist plötzlich weggefallen und die Leere, die sie durch ihr Fehlen hinterlassen hat, war wieder deutlich zu spüren. Ich habe auch wieder ganz viel geweint und konnte mich kaum beruhigen.
Aber auch Ostern, ihr Geburtstag, mein Geburtstag und ihr erster Todestag waren für mich besonders schwer zu ertragen. Diese Tage sind immer noch sehr schwer für mich, weil sie an den Tagen ganz besonders fehlt und es einfach nicht mehr so ist wie es mal war.
Was mir besonders geholfen hat die Trauer zu akzeptieren war mit Freunden oder Bekannten zu reden, die auch einen schweren Verlust erlebt haben und ganz genau gewusst haben wie es mir geht und wie schwer manche Tage sind oder wie schwer es überhaupt ist ohne sie weiterzuleben. Das war für mich und ist für mich eine große Stütze. Zu wissen es gibt Menschen, die mich verstehen und ganz genau wissen wie es mir geht.
Wie schaust du heute auf alles zurück?
Ich glaube die Trauer endet nie so ganz und ist ein Teil von mir. Ich habe mich seitdem auch sehr verändert und kann nicht mehr so unbeschwert durch das Leben gehen. Ich weine seitdem auch viel schneller und mir wird auch schnell alles zu viel.
An manchen Tagen kann ich die Zeit auch mal genießen. Besonders beim Tanzunterricht. Das gibt mir Kraft und ich spüre dann auch wieder Freude in mir. Allgemein hilft mir Musik und Tanz wirklich sehr und Menschen, die mich so annehmen wie ich bin. Die mich weinen lassen, wenn mir danach ist und einfach nur da sind.
Um ehrlich zu sein kämpfe ich immer noch sehr und ich weiß auch noch oft nicht wie ich das alles ohne sie schaffen soll. Ich versuche jeden Tag aufs Neue irgendwie weiterzumachen und es ist oft noch furchtbar schwer ohne sie weiterleben zu müssen.
Es gibt aber auch Momente auf die ich mich wieder aufrichtig freuen kann wie der Tanzunterricht z.B. und die ganzen tollen Menschen, die ich in der Tanzschule kennengelernt habe. Aber auch, wenn ich was Schönes vorhabe auf das ich mich aufrichtig freue. Diese Momente geben mir dann doch Kraft weiterzumachen.
Was möchtest du anderen Trauernden mitgeben?
Ich kann vor allem allen raten, die gerade sowas ähnliches durchmachen, dass ihr euch immer auf euer Bauchgefühl verlassen solltet. Wenn ihr merkt da stimmt was nicht, dann bleibt hartnäckig und gebt nicht nach, wenn ihr das Gefühl habt die Ärzte übersehen was und untersuchen nicht gründlich. Natürlich sind Ärzte auch nur Menschen, die Fehler machen, aber vielleicht wäre auch alles anders ausgegangen, wenn man früher mit der Immuntherapie begonnen hätte, anstatt zu warten, ob die erste Chemo anschlägt.
Und distanziert euch von Menschen, die euch nicht gut tun oder brecht sogar den Kontakt ab, wenn ihr merkt dieser Mensch tut euch nicht gut. Haltet euch an Menschen, die euch mit eurer Trauer so annehmen wie ihr seid und die euch zur Seite stehen. Das sind die Menschen, die einem in dieser schweren Zeit wirklich Halt geben und auch Kraft geben.