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TRAUERNDE ERZÄHLEN

Lena

Lena wurde im Jahr 2023 in der 27. Schwangerschaftswoche still geboren. Hier erzählt ihre Mutter über die Zeit rund um den Verlust und die Trauer.

⚠️ TRIGGERWARNUNG ⚠️ In dieser Geschichte kommen die Themen Schwangerschaftsverlust und Totgeburt vor. Wenn du dich nicht mit diesen Themen auseinandersetzen möchtest oder du das Gefühl hast, diese Themen tun dir nicht gut, lies diese Geschichte bitte nicht.

Erzähle von Lena. Wie war die Schwangerschaft?

Lena war bereits mit zwölf Wochen ein kleiner Wirbelwind in meinem Bauch. Mein Gynäkologe lachte bei jedem Ultraschall, weil sie sich kaum ruhig halten ließ. Wir hatten früh einen Namen gefunden: Lena oder Leo, je nachdem. Als wir in der zwanzigsten Woche erfuhren, dass es ein Mädchen war, fühlte es sich an, als würden wir sie ein zweites Mal kennenlernen.

Mein Mann Tobias hatte ihr Bücherregal selbst gebaut. Ein kleines, weißes, das genau in die Zimmerecke passte. In der Nacht, in der er es aufstellte, lagen wir noch lange wach und überlegten, welche Bücher wohl ihre Lieblinge werden würden. Ich weiß noch genau, wie die Wohnung an diesem Abend gerochen hat. Nach frischer Farbe und nach dem Anfang von etwas.

Was ist passiert? Wie hast du von ihrem Tod erfahren?

In der siebenundzwanzigsten Woche wurde Lena ruhiger. Weniger Tritte, weniger Bewegung. Ich redete mir ein, dass das normal sei. Aber in einer Nacht, als ich nicht schlafen konnte, fuhr ich trotzdem zur Notaufnahme. Tobias wollte mitfahren. Ich sagte, es sei sicher nichts. Er solle schlafen. Ich wünschte, ich hätte ihn mitgenommen.

Die Ärztin legte den Ultraschallkopf auf meinen Bauch und schaute auf den Bildschirm. Dann wurde es still. Eine Stille, nach der nichts mehr so ist wie vorher. Sie rief noch eine Kollegin. Beide schauten auf denselben Bildschirm. ‚Es tut mir sehr leid‘, sagte sie schließlich. Lenas Herz hatte aufgehört zu schlagen.

Wie war die Zeit im Krankenhaus?

Da die Geburt eingeleitet werden musste, wurde ich stationär aufgenommen. Wir lagen auf der normalen Geburtsstation. Im Flur hingen Fotos von Neugeborenen. Durch die Wand war manchmal das Schreien anderer Babys zu hören. Ich lag da und wartete, und wusste, dass am Ende dieser Nacht kein lebendes Kind auf mich warten würde.

Lena wurde am nächsten Morgen geboren. Sie war winzig und vollständig und vollkommen. Wir hielten sie, so lange wir konnten. Die Hebamme fragte uns sanft, ob wir Fotos möchten. Ich war unsicher. Heute bin ich so dankbar dafür. Es sind die einzigen Fotos, die wir von ihr haben.

Wie war die Zeit, nachdem du nach Hause gekommen bist?

Als wir nach Hause kamen, war das Bücherregal noch im Zimmer. Den Kinderwagen hatte Tobias in den Keller gebracht, das Bett zerlegt. Ich weiß, dass er es für mich getan hat. Trotzdem habe ich geweint, als ich das Zimmer sah. Nicht wegen des Kinderwagens, sondern weil alles in einer Zwischenwelt feststeckte. Nicht mehr schwanger, kein Kind da. Irgendwo dazwischen.

Wie haben die Menschen in deinem Umfeld reagiert?

Die meisten Menschen in meinem Leben wussten nicht, was sie sagen sollten. Das verstand ich. Manche sagten trotzdem etwas, gut gemeint, aber schwer zu tragen. ‚Ihr seid noch jung, ihr könnt es nochmal versuchen.‘ ‚Wenigstens weißt du jetzt, dass du schwanger werden kannst.‘ ‚Vielleicht war es ein Grund, vielleicht hätte sie gelitten.‘ Diese Sätze kamen aus Hilflosigkeit. Aber sie machten Lena kleiner, als sie war.

Am schwersten war das langsame Unsichtbarwerden. Nach ein paar Wochen fragte niemand mehr. Das Leben der anderen lief weiter, ganz natürlich. Irgendwann hatte ich das Gefühl, dass ich die Einzige war, die noch wusste, dass Lena da gewesen war. Dass jemand wie sie existiert hatte, mit einem Namen, einem Zimmer, einem kleinen weißen Bücherregal.

Wie war das für deinen Mann?

Tobias trauerte anders als ich. Er sprach weniger, arbeitete mehr. Einmal fand ich ihn nachts in der Küche. Er saß einfach da, trank Tee und schaute aus dem Fenster. Er weinte nicht. Er sah nur sehr müde aus. Wir hatten beide das Gefühl, füreinander stark sein zu müssen, dabei brauchten wir eigentlich das Gleiche: jemanden, der fragt. Die meisten Menschen fragten mich, wie es mir geht. Ihn fragte kaum jemand.

Was hat dir geholfen, mit der Trauer umzugehen?

Das Wichtigste, das ich für mich getan habe, war der Beitritt zu einer Selbsthilfegruppe für Eltern nach Sternenkind-Verlust. Dort traf ich Mütter und Väter, die genau wussten, wie es sich anfühlt, in der Babyabteilung im Supermarkt einfach stehen zu bleiben und nicht weiterzukommen. Das war das erste Mal nach dem Verlust, dass ich das Gefühl hatte: Ich bin nicht allein damit.

Ich schreibe ihr Briefe. Meistens einmal die Woche, manchmal seltener. Ich erzähle ihr, was gerade passiert. Was Tobias gebaut hat, wie die Jahreszeit aussieht, was mich gerade beschäftigt. Es hilft mir, die Verbindung zu ihr nicht zu verlieren. Sie war hier. Sie ist hier geblieben.

Wie schaust du heute auf alles zurück?

Lena ist jetzt fast drei Jahre her. Ich sage das bewusst so: nicht drei Jahre vergangen, sondern drei Jahre her. Weil sie kein Ereignis ist, das verblasst. Wir haben inzwischen einen Sohn. Diese Schwangerschaft war anders, schöner in mancher Hinsicht, weil ich wusste, wie kostbar das ist, und schwerer in anderer, weil ich nie mehr ganz unbesorgt sein konnte. Lena hat mir das beigebracht.

Was ich anderen Eltern sagen möchte, die Ähnliches erleben: Euer Kind hat existiert. Sein Name darf laut gesagt werden. Eure Trauer ist real, egal wie früh oder wie spät in der Schwangerschaft der Verlust war. Und wenn jemand sagt, ihr sollt weitermachen: sucht euch Menschen, die verstehen, dass Loslassen und Erinnern gleichzeitig sein darf.

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