⚠️ TRIGGERWARNUNG ⚠️ Diese Geschichte enthält das Thema Unfälle, was für manche Leser verstörend sein könnte.
Erzähle von Sarah. Wie habt ihr euch kennengelernt?
Sarah und ich lernten uns am ersten Tag der fünften Klasse kennen. Sie saß vor mir, drehte sich um und fragte, ob ich einen Bleistift für sie hätte. Ich hatte zwei dabei – von da an teilten wir uns alles. Von Schulutensilien über Geheimnisse bis hin zu unseren größten Träumen.
Zehn Jahre lang waren wir unzertrennlich. Sarah war die Künstlerische von uns beiden, immer mit einem Skizzenbuch unterwegs. Ich war die Planerin, die Listen machte und uns organisierte. Wir ergänzten uns perfekt. Nach dem Abitur wollten wir zusammen eine Wohnung in Berlin beziehen. Sie würde Kunst studieren, ich BWL. Wir hatten alles geplant.
Wie hast du von ihrem Tod erfahren? Was ist an diesem Tag passiert?
Der Unfall passierte zwei Monate vor unserem Umzug. Sarah war auf dem Weg zu mir, wir wollten Möbel für unsere neue Wohnung aussuchen. Ein betrunkener Autofahrer nahm ihr die Vorfahrt. Sie starb noch an der Unfallstelle. Ich erfuhr es von ihrer Mutter, die mich weinend anrief. In diesem Moment brach meine Welt zusammen.
Was waren deine ersten Gedanken? Wie hast du dich gefühlt?
Die nächsten Tage verschwammen zu einem einzigen Nebel aus Tränen und Ungläubigkeit. In einem Moment planten wir noch unsere gemeinsame Zukunft, im nächsten war sie einfach weg. Vor zwei Tagen hatten wir noch über ihre Kunstprojekte und unsere Berliner Träume gesprochen. Ich konnte es einfach nicht begreifen.
Wie war die Zeit bis zur Bestattung für dich?
Sarahs Eltern baten mich, bei der Auswahl der Fotos für die Trauerfeier zu helfen. Stundenlang saßen wir in ihrem Zimmer, umgeben von Erinnerungen. Ihr halb fertig gemaltes Bild noch auf der Staffelei. Der Karton mit Büchern für Berlin, schon beschriftet mit „Sarahs Krempel“.
Die Beerdigung war surreal. So viele Menschen kamen. Mitschüler, Lehrer, Freunde aus dem Kunstkurs. Alle hatten eine Geschichte über Sarah zu erzählen. Wie sie anderen half, wie sie jeden zum Lachen brachte, wie sie die Welt ein bisschen bunter machte. Ich konnte nicht sprechen. Stattdessen hatte ich eines ihrer Bilder mitgebracht: Ein Selbstporträt, auf dem sie lacht. So wollte ich sie in Erinnerung behalten.
Wie waren die ersten Wochen nach der Bestattung?
Die Wochen danach waren die schwersten. Ständig griff ich zum Handy, wollte ihr eine Nachricht schreiben. Ihr Instagram-Profil war noch aktiv, voll mit ihren Fotos und Kunst. Ich konnte ihr nicht entfolgen, aber auch nicht ansehen. Berlin sagte ich ab. Der Gedanke, ohne sie dorthin zu gehen, war unerträglich.
Ihre Mutter gab mir Sarahs Skizzenbücher. „Sie hätte gewollt, dass du sie hast“, sagte sie. Zuerst konnte ich sie nicht öffnen. Sie lagen monatelang unberührt in meinem Schrank. An besonders schweren Tagen schrieb ich ihr Briefe. Über meine Trauer, meine Wut, meine Schuldgefühle, weil ich noch hier war und sie nicht.
Was hat dir geholfen, mit der Trauer umzugehen?
Was mir half, war die Unterstützung einer Trauergruppe für junge Menschen. Dort traf ich andere, die einen Freund oder Geschwister verloren hatten. Sie verstanden, wie es sich anfühlte, in einem Alter zu trauern, wo alle anderen ihr Leben erst richtig beginnen. Wir sprachen über die schwierigen Momente. Geburtstage, Feiertage, Zukunftspläne, die sich für immer verändert hatten.
Ein Jahr nach ihrem Tod öffnete ich endlich die Skizzenbücher. Es war wie eine Zeitreise. Sarah hatte alles gezeichnet, unsere Schulausflüge, Kaffeepausen, sogar unsere imaginäre Berliner Wohnung. Zwischen den Zeichnungen fand ich kleine Notizen, Witze, Zukunftspläne. Auf der letzten Seite des neuesten Buches stand: „Mit Lisa in Berlin – das wird legendär!“
Wie schaust du heute auf alles zurück?
Heute, zwei Jahre später, studiere ich BWL und nehme nebenbei Zeichenkurse. Ich bin nicht annähernd so talentiert wie Sarah, aber es hilft mir, mich ihr nahe zu fühlen. In meinem Zimmer hängt ihr Selbstporträt. Manchmal, wenn ich nicht weiter weiß, schaue ich es an und frage mich: „Was würde Sarah dazu sagen?“
Die Trauer ist noch da, aber sie hat sich verändert. Sie ist nicht mehr dieser lähmende Schmerz, sondern eine Art ständige Begleiterin. Ich vermisse Sarah jeden Tag, aber ich kann jetzt auch über unsere verrückten Aktionen lachen. Wie wir uns als Dreizehnjährige die Haare gegenseitig geschnitten haben (eine Katastrophe). Oder wie wir in der elften Klasse heimlich ihren Hund mit in die Schule schmuggelten.
Was hast du durch diese Erfahrung gelernt?
Ich habe gelernt, dass es okay ist, seinen eigenen Weg der Trauer zu finden und dass Erinnerungen auch Freude machen dürfen. Die Träume eines geliebten Menschen können inspirieren, ohne dass man sie genau so leben muss. Freundschaft endet nicht mit dem Tod und man darf weiter leben und glücklich sein. Das schmälert die Liebe nicht.
An Sarahs Geburtstag gehe ich meist in ein Café, bestelle zwei Stück Käsekuchen (ihr Lieblingskuchen) und zeichne etwas in mein eigenes Skizzenbuch. Nicht annähernd so gut wie sie, aber mit viel Liebe. So wie sie es gemacht hätte.