TRAUERNDE ERZÄHLEN

Ulf

Ulf ist plötzlich verstorben. Hier erzählt seine Tochter über ihre Erfahrungen im Umgang mit dem Tod und der Trauer.

Wie war der Tag, als du von dem Tod erfahren hast?

Ich saß zuhause in meinem WG-Zimmer und war dabei, einen Antrag für meine Studienbeihilfe auszufüllen. Dafür benötigte ich die Sozialversicherungsnummer meines Papas, also wählte ich seine Telefonnummer, um nachzufragen. Niemand ging ans Telefon. Ich wählte noch einmal, da mein Papa immer gesagt hat, beim zweiten Mal klingelt das Handy dann laut, dann geht er ran. Er ging wieder nicht ran, stattdessen hörte ich eine andere männliche Stimme: „Landespolizeidirektion Steiermark, wer spricht da?“. Im ersten Moment dachte ich, mein Papa hätte mal wieder Mist gebaut, wäre mit der Polizei ins Diskutieren gekommen, Probleme mit dem Führerschein, was auch immer. „In welchem Bezug stehen sie?“. Mir wurde mulmig, gab es einen Unfall, in den er verwickelt war? War er im Krankhaus? Ist er wohl auf? „Sie sind die Tochter? Hmm, das ist jetzt unpassend, dass Sie anrufen, normalerweise kommen wir in solchen Fällen persönlich vorbei.“ Mir wird schlecht. Nein so schlimm kann es nicht sein, er hatte sicher einen Unfall und wird sich wieder aufrappeln, wie damals schon. „Ihr Vater ist heute gestorben“.

Was hast du in dem Moment gefühlt, als du es erfahren hast?

Meine Brust zieht sich krampfartig zusammen, ich bekomme keine Luft, Stiche in meinem Magen, eine unendliche Leere breitet sich in meinem Kopf aus. Ich rolle mit meinem Stuhl zurück, beuge mich vor, krümme mich zusammen, ringe nach Luft. In dem Moment legt sich ein Schalter in mir um, von „Manuell“ auf „Automatik“, nur in diesem Modus überlebe ich die drauffolgenden Monate. Ich musste sofort raus aus der Wohnung.

Ich saß unten vor dem Haus an einer stärker befahrenen Straße, es war unheimlich laut, mein Kopf brummte, ich hyperventilierte und hatte Atemnot. Nachdem ich meine Mutter nicht erreichte, rief ich meine Großeltern mütterlicherseits an, sie holten mich zu sich nach Hause. Meine Mutter und ihr Bruder kamen an dem Abend auch ins Haus meiner Großeltern. Ich informierte Papas Schwester und seine beste Freundin, danach betrank ich mich und weinte mich in den Armen meiner Mutter in den Schlaf.

Wie hast du die Zeit bis zur Bestattung erlebt?

Als alleinige Tochter ohne bestehender (Ehe)partnerin meines Vaters war ich vollkommen allein verantwortlich für alles, was nach seinem plötzlichem Tod kam. Die Todesnachricht überbringen, Organisation des Begräbnisses, Ausräumen der Wohnung, Notartermine, Nachlass, Abmelden aller Verträge, Konten und Fahrzeuge. Da war keine Zeit, um zu realisieren, was passiert ist, kein Platz für Trauer oder andere Gefühle.

Ich bin wie eine automatisierte Maschine von A nach B nach C gegangen und hatte täglich eine To-Do-Liste zu erledigen. Da die Obduktion und die anschließende Verbrennung sehr lange dauerten, wurde mein Vater erst 2 Monate nach seinem Tod begraben. Ich kann mich nur noch dunkel an diese Zeit erinnern.

Ich war wie von einem dichten Nebel umgeben, in Watte eingepackt, abgekapselt von meiner Umgebung, meine Welt hatte keine Farben mehr, alles war nur noch in Grautönen gezeichnet. Kalendereinträge von der Woche nach seinem Tod: Emotionslos, bedrückt, ständig wenig Luft zu Atmen, Schwere in der Brust, Erschöpfung, Leere, Hoffnungslosigkeit, sehr schwierig allein zu sein, Angst vor naher Zukunft, Überforderung, Einsamkeit, Verloren, Sinnlosigkeit weiterzumachen.

Wie hast du den Tag der Bestattung in Erinnerung?

Mein Papa wurde verbrannt, seine Urne wurde in einer Friedhofswiese in meiner Heimatstadt begraben. Aufgrund der geltenden Coronamaßnahmen durften nur 50 Personen am Begräbnis teilnehmen, ich habe also sehr bedacht eingeladen – Familie, engste FreundInnen von meinem Papa und meinen eigenen Freundeskreis.

Den ganzen Tag konnte ich nicht fassen, dass das wirklich passiert, dass alle Menschen da sind, um sich von meinem Papa zu verabschieden, von meinem Papa, der tot ist. Meine Mama, mein Partner und meine FreundInnen waren mir eine große Stütze an diesem Tag. Das Begräbnis war schön, ich habe eine sehr ehrliche Rede über meinen Papa gehalten, ein paar Menschen konnte ich damit ein Lächeln ins Gesicht zaubern.

Zum Abschluss eins seiner Lieblingslieder „Don’t Worry, Be Happy“, die Urne wurde in das Erdloch gelassen, die Leute umarmten mich, weinten, bedankten sich für die schöne Verabschiedung. Am Abend haben wir im Park zusammen gesessen, miteinander geredet, getanzt und den Tag gefeiert – hätte er uns zu gesehen, er hätte sich so gefreut.

Da mein Papa so plötzlich verstorben ist, konnte ich mich in keiner Weise von ihm verabschieden, auch das Begräbnis war kein Abschied für mich. Es war nur der Abschluss vom größten Teil der harten Arbeit, die ich nach seinem Tod erledigten musste, ich spürte das erste Mal nach zwei Monaten sowas wie Erleichterung. Ein erstes Gefühl von Abschied kam viel später.

Wie hat sich die Trauer angefühlt?

In den ersten Monaten nach dem Tod meines Papas hatte ich ein sehr drückendes Gefühl in der Brust, Atemnot, Schlafstörungen, selbstverletztendes Verhalten, überwältigende Ängste, Panikattacken. Ich war ständig unter Menschen und konnte nicht allein sein, gleichzeitig fühlte ich mich so oft fehl am Platz und war überfordert mit den sozialen Interaktionen.

Ich griff zu oft und zu viel zum Alkohol um meine Nerven zu beruhigen, anfangs in der Gruppe, später auch allein. Ich meldete mich von allen Lehrveranstaltungen mit Anwesenheitspflicht an meiner Universität ab, bei wenigen Online Kursen und Prüfungen versuchte ich dran zu bleiben. Ich war schon vor Papas Tod in einer Gruppentherapie, aus dieser musste ich austreten – der Vergleich zwischen meiner Lebenssituation und der von den anderen Teilnehmerinnen war für mich nicht auszuhalten.

Ich wechselte in eine wöchentliche Einzeltherapie, die mir half herauszufinden mit wem und wie ich meine Zeit verbringen möchte, Angstzustände in den Griff zu bekommen, Taktiken gegen das selbstverletzende Verhalten zu erlernen. Meine Familie und FreundInnen standen hinter mir, versuchten mich abzulenken und zu unterstützen, trotzdem fehlte mir ein Geschwisterkind oder ein Mensch, der meinem Papa so nahe stand wie ich es tat, ein Mensch mit dem ich mich austauschen könnte.

Hast du etwas Bestimmtes unternommen, was dir in deiner Trauer geholfen hat?

Ich fühlte mich nicht verstanden von meinem Umfeld, ich war allein mit meinem Schmerz. Also suchte ich nach einer Trauergruppe. Nachdem ich keine passende gefunden hatte, stellte ich mithilfe eines Vereins eine eigene Trauergruppe für junge Erwachsene auf die Beine. Die Gruppe gibt es bis heute – hier fühle ich mich verstanden, ich kann alle meine Gedanken, Gefühle und den Schmerz teilen.

Wir hören zu und versuchen uns zu unterstützen, wir erzählen von unseren Erfahrungen und wie man mit den unterschiedlichsten Situationen gelernt hat umzugehen. Wir begleiten uns gegenseitig durch die Höhen und Tiefen der Trauer.

Weiter sittete ich regelmäßig Hunde und half wöchentlich auf einem Hundegnadenhof aus – die wärmende Nähe der Hunde, ihre Zuneigung und ihre Lebensfreude brachten mir die ersten Farbtupfer in mein graues Leben zurück.

Gab es bestimmte Lichtblicke für dich in dieser Zeit?

Von meinem Papa erbte ich einen uralten Campingbus, den ich herrichtete und einige Ausflüge und Reisen unternahm – das waren wunderschöne Zeiten und Erinnerungen, für die ich sehr dankbar bin.

Mein Papa war zudem viele Jahre Tauchlehrer in Ägypten, er hat mir das Tauchen beigebracht und mir das Meer näher gebracht. Heute besuche ich jährlich seine „Familie“ in Ägypten, nehme FreundInnen und Familienangehörige mit und teile die Welt des Tauchens mit ihnen.

Bei diesen Reisen bin ich mit Wärme und Dankbarkeit erfüllt, es sind für mich die schönsten Zeiten seit seinem Tod. Vielleicht werde ich auch in seine Fußstapfen treten und eine Tauchlehrerausbildung machen.

Gab es emotionale Rückschläge?

Die ersten sehr harten Rückschläge waren mein eigener erster Geburtstag ohne ihn, sein Geburtstag, der erste und der zweite Todestag. Diese Tage zeigen einem wie schnell die Zeit vergeht, dass die Erde sich einfach weiter dreht und das Leben keine Rücksicht auf dein Leid nimmt.

An diesen Tag habe ich immer einen Hund an meiner Seite, ich schreibe eine Nachricht an meinen Papa in mein Fotoalbum und organisiere ein Treffen seiner und meiner FreundInnen und wir stoßen auf ihn an.

Würdest du sagen, dass die Trauer verschwunden ist oder dass sie immer noch ein Teil deines Lebens ist?

Das Schwierige mit der Trauer: Sie kommt bei mir immer und immer und immer und immer wieder mit voller Wucht, jedes Mal mit derselben Intensität wie kurz nach seinem Tod. Ich glaube die Trauer wird nie verschwinden, sie wird wahrscheinlich von anderen Schicksalsschlägen im Leben – gute als auch schlechte – übertrumpft und dadurch in den Hintergrund wandern.

Ich stelle mir oft noch Fragen, auf die es keine Antwort gibt. Da das Verhältnis meines Papas zu seiner Familie sehr schlecht war und meine Eltern schon ewig getrennt waren, trage ich die Trauer mit mir alleine herum und kann sie nicht wirklich mit jemandem teilen, das macht mir das Leben oft sehr schwer. Ich kann mit dem Gefühl der Ungerechtigkeit nicht umgehen, ich fühle mich oft allein mit allem, ich fällt mir immer noch unheimlich schwer das Thema selbst anzusprechen.

Wie schaust du heute auf alles zurück?

Was die Trauer aushaltbarer gemacht hat, sind die Zeitabstände zwischen den dunklen Zeiten – diese werden länger und die Höhen werden immer höher, ich kann die Glücksmomente wieder an mich ranlassen, sie dankbar annehmen und erleben. Ich habe den Fokus leider sehr spät erst auf mich selbst gerichtet – anfangs musste ich sehr viel erledigen, dann hatte ich das Gefühl wieder funktionieren zu müssen.

Ich habe mir zu wenig Zeit für mich genommen, bis heute trage ich den Wunsch in mir mich für 2-3 Wochen vollkommen allein zurückzuziehen auf eine Almhütte oder ans Meer. Irgendwann habe ich mich dann viel mit meiner Kindheit und Jugend auseinandergesetzt und sie versucht zu verarbeitet, ich hab meine Gegenwart reflektiert und mir viele Gedanken darüber gemacht, wer ich sein möchte, wen ich um mich haben möchte und was mich glücklich macht im Leben.

Hast du einen Rat für jemanden, der gerade eine ähnliche Situation durchlebt?

Der plötzliche Verlust meines Papas hat mir aufgezeigt, wie vergänglich wir alle sind und wie wichtig es ist, das Leben jeden Tag neu zu gestalten, es wertzuschätzen und dankbar zu sein. Ich habe einige FreundInnen im Trauerprozess verloren, weil sie sich abgewandt haben, mir nicht geholfen haben oder überfordert waren. Dafür sind andere Beziehungen viel enger, intimer, offener und ehrlicher geworden.

Heute lebe ich viel bewusster, nehme mir mehr Zeit für mich selbst und achte besser auf meine Bedürfnisse. Ich bin achtsamer und dankbarer für die Menschen, Dinge und Hobbys, die ich habe.

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