Erzähle von deiner Mutter. Wie war eure Beziehung?
Mama war immer mein Fels in der Brandung. Eine typische Vorstadtmutter der 70er Jahre – Hausfrau, ehrenamtlich engagiert im Gemeindezentrum, eine begeisterte Hobbygärtnerin. Als ich selbst Mutter wurde, wurde unsere Beziehung noch enger. Sie passte auf die Kinder auf, wenn ich arbeiten musste, brachte ungefragt ihre berühmte Hühnersuppe vorbei, wenn jemand krank war. Wir telefonierten jeden zweiten Tag, meistens abends, wenn die Kinder im Bett waren.
Wie hast du von ihrer Krankheit erfahren?
Die Diagnose kam im Frühjahr 2022. Mama war in letzter Zeit oft müde gewesen, hatte Gewicht verloren. „Bestimmt nur Stress mit dem Garten“, hatte sie gesagt. Beim Routinecheck fand ihre Hausärztin erhöhte Leberwerte. Dann ging alles sehr schnell – Überweisung zum Spezialisten, Untersuchungen, die Diagnose: Leberkrebs, bereits fortgeschritten.
Wie war die Zeit der Krankheit?
Es folgten sechs Monate zwischen Hoffen und Bangen. Chemotherapie, die nicht richtig anschlug. Mama wurde schwächer, aber sie versuchte bis zuletzt, ihre Normalität zu bewahren. Sie bestand darauf, weiter ihre Blumen zu gießen, auch wenn sie dabei Pausen machen musste. An guten Tagen backte sie noch Plätzchen für die Enkel. An schlechten Tagen lag sie nur auf der Couch und ließ sich von mir ihre Lieblings-Rosamunde-Pilcher-Filme vorlesen.
Wie hast du dich in dieser Zeit gefühlt?
Körperlich machte sich die Anspannung bereits bemerkbar. Ich schlief schlecht, hatte ständig Kopfschmerzen. Morgens war mir oft übel vor Sorge. Zwischen Arbeit, eigener Familie und den Krankenhaus- oder Arztbesuchen funktionierte ich nur noch. Mein Mann übernahm den Haushalt, aber ich hatte trotzdem das Gefühl, niemandem wirklich gerecht zu werden.
Wie hast du von ihrem Tod erfahren? Wie war dieser Tag für dich?
Mama starb an einem Donnerstag im November, friedlich zu Hause im Beisein meines Vaters. Als sein Anruf um 5 Uhr morgens kam, wusste ich es schon. Mein Körper hatte mich geweckt, eine Stunde bevor das Telefon klingelte. Ich hatte dieses merkwürdige Gefühl in der Magengrube, eine Art Wissen.
Die Fahrt zu ihrem Haus war surreal. Die Stadt erwachte gerade erst, aber für mich fühlte es sich an, als sollte die Welt stehen bleiben. Im Auto musste ich mehrmals anhalten, weil mir schwindelig war. Meine Hände zitterten so stark, dass ich kaum den Schlüssel ins Schloss bekam.
Was waren deine ersten Gedanken und Gefühle?
Der erste Anblick von Mama in ihrem Bett – sie sah friedlich aus, fast als würde sie schlafen. Aber ihr Gesicht hatte diese merkwürdige Wachsfarbe, die man nicht mit Leben verwechseln kann. Mein Körper reagierte mit einer Mischung aus Erstarrung und Übelkeit. Ich wollte sie berühren und gleichzeitig weglaufen.
In den nächsten Stunden kamen der Arzt, später der Bestatter. Ich funktionierte automatisch, beantwortete Fragen, unterschrieb Papiere. Mein Vater saß wie versteinert am Küchentisch. Die Kaffeemaschine lief ununterbrochen – ein bizarrer Kontrast zu der Stille im Haus.
Wie war die Zeit bis zur Bestattung?
Die Tage bis zur Beerdigung waren wie in Watte gepackt. Nachts lag ich wach, tagsüber kämpfte ich mit bleierner Müdigkeit. Mein Körper fühlte sich gleichzeitig taub und hypersensibel an. Gerüche waren plötzlich überwältigend – besonders Mamas Wäscheduft an ihren Kleidern, die wir sortieren mussten.
Die Organisation der Beerdigung war eine Tortur. Ständig mussten Entscheidungen getroffen werden – Blumen, Musik, Anzeigentext. Eigentlich hatte Mama alles vorher besprochen, aber plötzlich kamen Verwandte mit eigenen Vorstellungen. „Das hätte sie aber so gewollt“, hieß es dann. Ich hatte keine Kraft zu diskutieren, obwohl ich genau wusste, dass Mama keine Calla-Lilien sondern ihre geliebten Gartenrosen gewollt hätte.
Wie hast du die Beerdigung erlebt?
Der Tag der Beerdigung selbst ist merkwürdig verschwommen in meiner Erinnerung. Ich erinnere mich an das Gewicht meiner schwarzen Handtasche, an das Kratzen der neuen Strumpfhose, an den penetranten Geruch der Lilien, die ich nicht verhindert hatte. Mein Magen war wie zugeschnürt, ich konnte nicht einmal Wasser trinken.
Die Trauerfeier war gut besucht – Mama war beliebt in der Gemeinde. Viele Bekannte kamen mit den üblichen Floskeln: „Sie hatte doch ein erfülltes Leben“ oder „Jetzt hat sie es hinter sich“. Ich nickte mechanisch, während sich in meinem Inneren alles zusammenzog. Mein Körper schien zu schreien, während ich äußerlich gefasst blieb.
Wie waren die ersten Wochen danach?
Die ersten Wochen waren geprägt von extremer körperlicher Erschöpfung. Ich schlief entweder gar nicht oder zwölf Stunden am Stück. Morgens wachte ich mit Muskelschmerzen auf, als hätte ich einen Marathon gelaufen. Manchmal überfiel mich mitten am Tag eine solche Mattigkeit, dass ich mich hinlegen musste.
Gleichzeitig war da diese ruhelose Energie. Nachts wanderte ich durch die Wohnung, räumte zwanghaft Schränke aus. Tagsüber machte ich endlose Listen von Dingen, die erledigt werden mussten. Mein Herz raste oft ohne ersichtlichen Grund, manchmal hatte ich das Gefühl, keine Luft zu bekommen.
Wie hat dein Umfeld reagiert?
Die Reaktionen des Umfelds waren gut gemeint, aber oft belastend. Nach zwei Wochen fragten die ersten Kollegen: „Na, bist du jetzt wieder okay?“ Als ob Trauer ein Schnupfen wäre, der nach einer gewissen Zeit weggeht. Mein Chef wurde ungeduldig, weil ich mich bei Meetings nicht konzentrieren konnte. „Das Leben geht weiter“, sagte er in einem Mitarbeitergespräch.
Freunde wurden unsicher, wenn ich anfing zu weinen. „Du musst nach vorne schauen“, oder „Deine Mutter würde nicht wollen, dass du so trauerst.“ Als ob ich mir das ausgesucht hätte. Die körperlichen Symptome – Schlaflosigkeit, Appetitverlust, ständige Erschöpfung – wurden oft mit besorgten Blicken quittiert. „Vielleicht solltest du mal zum Arzt gehen.“
Was waren besonders schwierige Momente?
Die ersten Feiertage ohne Mama waren brutal. Weihnachten war ihr Fest – sie dekorierte das ganze Haus, backte wochenlang Plätzchen. Der Geruch von Zimt und Kardamom löste jetzt Panikattacken aus. An Heiligabend musste ich mich übergeben, als ich ihre handgeschriebenen Rezepte fand.
Ihr Geburtstag im März war ähnlich schwer. Mein Körper schien sich zu erinnern, bevor mein Bewusstsein es tat. Tagelang vorher hatte ich Migräne, konnte kaum essen. Die gut gemeinten Nachrichten von Verwandten („Denk heute besonders an deine Mama!“) machten es nur schlimmer.
Was hat dir geholfen, mit der Trauer umzugehen?
Überraschenderweise half mir Gartenarbeit am meisten. Ich übernahm Mamas Garten, obwohl ich vorher nie gegärtnert hatte. Das Graben in der Erde, das Pflanzen ihrer geliebten Rosen – es war körperlich anstrengend, aber irgendwie heilsam. Die Gartenarbeit gab mir einen Rhythmus, wenn alles andere chaotisch erschien.
Ich fand auch eine Trauergruppe, in der körperliche Symptome der Trauer ganz normal waren. Zu hören, dass andere ähnliche Erfahrungen machten – Schlafstörungen, unerklärliche Schmerzen, Panikattacken – war erleichternd. Dort musste ich nicht erklären, warum ich nach drei Monaten immer noch nicht „darüber hinweg“ war.
Wie ging es dir nach einem Jahr?
Das erste Jahr war eine Achterbahnfahrt von Symptomen und Emotionen. Bestimmte Jahreszeiten, Gerüche oder Situationen lösten körperliche Reaktionen aus, die ich nicht kontrollieren konnte. Im Frühling, als ihre Tulpen blühten, saß ich stundenlang wie erstarrt im Garten. An ihrem Hochzeitstag bekam ich plötzlich hohes Fieber – der Arzt fand keine physische Ursache.
Langsam lernte ich, diese Reaktionen als Teil meiner Trauer zu akzeptieren. Mein Körper trauerte auf seine eigene Weise. Die Intensität der Symptome nahm ab, aber sie verschwanden nicht einfach. Sie wurden zu einer Art Erinnerung, einem körperlichen Gedächtnis an meine Mutter.
Wie geht es dir heute?
Heute, nach zwei Jahren, haben sich die körperlichen Symptome verändert. Die akute Erschöpfung ist einer leiseren Müdigkeit gewichen. Ich schlafe wieder besser, aber bestimmte Tage sind körperlich immer noch anstrengend. Der Geruch von frisch gebackenen Plätzchen kann immer noch Herzrasen auslösen, aber ich kann damit umgehen.
Was ich gelernt habe:
– Trauer hat einen eigenen Zeitplan, den der Körper mitbestimmt
– Körperliche Symptome der Trauer sind normal und valide
– Nicht jeder wird die Intensität dieser Erfahrung verstehen
– Es ist okay, sich Zeit zu nehmen und Grenzen zu setzen
– Heilung bedeutet nicht Vergessen
– Der Körper erinnert sich oft früher als der Verstand
Was würdest du anderen in ähnlichen Situationen raten?
– Hört auf euren Körper – er zeigt euch, was ihr braucht
– Lasst euch nicht drängen, „normal“ zu funktionieren
– Sucht euch Menschen, die eure Erfahrung verstehen
– Bewegung und Natur können heilsam sein
– Professionelle Hilfe ist keine Schwäche
– Es ist okay, wenn Trauer anders aussieht als erwartet
Mamas Garten blüht jetzt anders als früher – weniger perfekt, aber genauso lebendig. Manchmal, wenn ich in der Erde grabe, finde ich noch ihre alten Pflanzenschilder. Dann zittern meine Hände kurz, mein Herz macht einen Sprung. Aber es ist okay. Es bedeutet nur, dass die Liebe zu ihr noch da ist, in jeder Faser meines Körpers.